Der Tod des US-Amerikaners George Floyd bei seiner Festnahme durch die Polizei führte nicht nur in den USA, sondern weltweit zu Kundgebungen mit der Botschaft #BlackLivesMatter. Es ist aber auch ein zweites Phänomen zu beobachten: Statuen fallen, ebenso rund um den Globus. Im Fokus dabei: Menschen und Machthaber, die für Ausbeutung im Rahmen des Kolonialismus standen. In Belgien wurden beispielsweise landesweit Denkmäler von Leopold II. beschmiert oder gestürzt. Unter Leopold II., bis 1909 König von Belgien, wurde der Kongo einerseits ausgebeutet, andererseits wurden Millionen Menschen ermordet oder kamen durch das Kolonialsystem ums Leben. Der Kongo gehörte bis 1960 zu Belgien. Hier kommt nun offenbar erneut eine breite gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit der Kolonialvergangenheit in Gang.

Das Karl Lueger-Denkmal in Wien. Den Sockel neigen und damit den Betrachter irritieren oder das Denkmal überhaupt stürzen? Wie ist der richtige Umgang mit den problematischen Kapiteln der Geschichte? - © Alexia Weiss
Das Karl Lueger-Denkmal in Wien. Den Sockel neigen und damit den Betrachter irritieren oder das Denkmal überhaupt stürzen? Wie ist der richtige Umgang mit den problematischen Kapiteln der Geschichte? - © Alexia Weiss

In Österreich ist die Schieflage aus historischer Perspektive eine etwas andere. Problematisch aus heutiger Sicht ist, wenn etwa in Form von Statuen, aber auch durch Straßennamen Menschen gehuldigt wird, die Antisemiten oder Nationalsozialisten waren. Insofern überrascht es nicht, dass in Wien in den vergangenen Tagen das Denkmal für den ehemaligen Bürgermeister der Stadt, Karl Lueger, in der Wiener Innenstadt beschmiert wurde.

Der Jurist Lueger, der die Christlich-Soziale Partei gründete, steht für wichtige Reformen wie die Kommunalisierung der Gas- und Elektrizitätsversorgung und des öffentlichen Verkehrs sowie den Bau des Versorgungsheims Lainz und des Psychiatrischen Krankenhauses am Steinhof. Er steht aber auch für beispiellose Hetze gegen Jüdinnen und Juden. Er übte das Amt zwischen 1897 und 1910 aus, wobei hier Kaiser Franz Joseph I. eben wegen Luegers prononciertem Antisemitismus mehrmals die Zustimmung zu dessen Angelobung verweigerte, bis sich schließlich Papst Leo XIII. für die Bestätigung der Wahl Luegers zum Bürgermeister aussprach und der Kaiser schlussendlich einlenkte.

Der seit 1934 bis 2012 nach ihm benannte Ring-Abschnitt "Dr. Karl Lueger-Ring" wurde 2012 in "Universitätsring" umbenannt. Der "Dr. Karl Lueger-Platz" befand sich ab 1907 vor dem Rathaus (zuvor hieß der Platz wie auch heute Rathausplatz). Die Rückumnennung in Rathausplatz erfolgte 1926, seitdem befindet sich der "Dr. Karl Lueger-Platz" zwischen Stubenring und Wollzeile. Und genau dort steht heute auch das vom Bildhauer Josef Müllner von 1913 bis 1916 geschaffene, sehr ausladende Denkmal, das nicht nur Lueger in Bronze zeigt, sondern in Form von vier weiteren Steinstatuen sowie großen Sockelreliefs seine Leistungen als Bürgermeister lobt.

Petition fordert Abriss des Denkmals

Die Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH) haben nun auf #aufstehn eine Petition gestartet, in der die Wiener Stadtregierung aufgefordert wird, das Denkmal abzureißen. Lueger sei für Adolf Hitler ein zentrales Vorbild gewesen. Dass im Zentrum Wiens ein "Denkmal für diesen rabiaten Antisemiten" throne, sei "unerträglich", so die JÖH.

Und weiter heißt es in der Petition: "Heutzutage ist Wien eine großartige Stadt für seine Jüdische Gemeinde, doch damit dies so bleibt, müssen antisemitische Kontinuitäten weiter aufgelöst werden. In Wien steht an einem zentralen Ort das Denkmal eines Anhängers einer mörderischen Ideologie und eines der wichtigsten Vorbilder Hitlers. Es ist von enormer Bedeutung, dass Wien sich weiter mit seiner Vergangenheit beschäftigt und diese vollständig aufarbeitet. Einen der bedeutendsten Judenhasser der Geschichte Wiens mit einem meterhohen Denkmal zu zelebrieren, ist allerdings eher eine Verhöhnung der Opfer, als ein Beitrag zur Aufarbeitung. Es gibt so viele großartige Menschen, die unsere Stadt positiv geprägt haben, wir müssen keine Antisemiten ehren!"

Ich finde es positiv, dass hier erneut eine Debatte um den Umgang mit der Geschichte der Stadt generell und mit Lueger im Speziellen angestoßen wird. Die Forderung, die Statue abzureißen ist legitim. Sie passt auch, siehe eingangs, zum internationalen Zeitgeist: es erscheint eben grundfalsch Menschen, die auf die eine oder andere Art eine menschenfeindliche Politik gemacht haben, auch Jahrhunderte später als Vorbilder zu ehren.

Ich persönlich halte es aber auch nicht unbedingt für den richtigen Weg, Geschichte, die aus heutiger Sicht nicht ruhmreich ist, aus der öffentlichen Wahrnehmung völlig zu entfernen. Es wäre vielmehr wichtig, hier den historischen Kontext herzustellen. Gerade beim Lueger-Denkmal gab es bereits Versuche, das zu tun. 2009 schrieb die Universität für angewandte Kunst einen Wettbewerb zur Umgestaltung aus. Aus 220 Einreichungen wählte die Jury, der unter anderen der Schriftsteller Doron Rabinovici, die Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek und die heutige Kultursprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, angehörten damals den Entwurf des Wiener Künstlers Klemens Widihal. Er schlug vor, die Statue und einen Teil des Sockels um 3,5 Grad nach rechts zu neigen. Diese Schieflage würde auf den problematischen Umgang der Stadt Wien mit ihrer antisemitischen Vergangenheit verweisen, meinte die Jury.

Umgesetzt wurde das Siegerprojekt allerdings nicht. Stattdessen wurde 2016 durch den damaligen Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und dem Bezirksvorsteher der Inneren Stadt, Markus Figl, eine Zusatztafel enthüllt. Der Text stammt vom Zeithistoriker Oliver Rathkolb.

Heute Vormittag bin ich in die City gefahren, einfach, um bewusst vor dem Denkmal zu stehen und zu schauen, welche Eindrücke sich ergeben. Die pinken Beschmierungen wurden inzwischen entfernt, da dachte ich mir: das ging aber schnell. Ansonsten: Ja, das Denkmal ist riesig und prägt diesen Platz – Lueger wurde hier geradezu in den Himmel hinaufgehoben. Die Tafel befindet sich links seitlich des Denkmals. Steht man vor dem Monument und lässt es auf sich wirken, fällt sie gar nicht auf. Man blickt hinauf zu Lueger, die Tafel jedoch wurde knapp über dem Boden montiert. Erst wenn man um das Denkmal herumgeht, wird man auf sie aufmerksam.

Die Tafel erzählt kurz die wichtigsten Eckdaten zum Bildhauer und zur Errichtung des Denkmals. Zu dem hier Geehrten ist dann zu lesen: "Karl Lueger (1844-1910) war Rechtsanwalt. Ursprünglich Anhänger des Liberalismus, gründete er 1893 die Christlich-Soziale Partei. Seine politische Rhetorik wurde zunehmend von populistischem Antisemitismus und der Vormachtstellung des deutschen Nationalismus beeinflusst. Als Bürgermeister vertiefte er den modernen Ausbau der kommunalen Infrastruktur Wiens, modernisierte die Verwaltung und förderte die Entwicklung der Stadt zu einer Metropole während der intensiven Zuwanderung von Menschen aus allen Teilen der Habsburger Monarchie. Zu seinen Verdiensten zählten die Kommunalisierung des öffentlichen Verkehrs, der Wasser-, Gas- und Stromversorgung Wiens, die Witwen- und Waisenpension sowie die Pflege- und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Zu danken ist ihm auch die Bewahrung des Wald- und Wiesengürtels rund um Wien. Die Steinstatuen, die das Denkmal flankieren, sind symbolischer Ausdruck dieser Leistungen. Lueger verstärkte während des Nationalitätenkonflikts in der späten Habsburger Monarchie den antisemitischen und nationalistischen Trend seiner Zeit. Schon zu Lebzeiten ein ‚Mythos’, bleibt daher Karl Lueger in der Gegenwart eine umstrittene Persönlichkeit."

Ja, ich gebe zu, befriedigend ist das nicht. Wer vor dem Denkmal steht, sieht eigentlich nur das Denkmal, und wer dann doch die daneben angebrachte Tafel liest, erfasst hier nicht das Ausmaß dessen, was Lueger in dieser Stadt an Judenfeindlichkeit gesät hat. Das würde eher nachvollziehbar, wenn man Lueger mit seinen eigenen Worten sprechen ließe.

So sagte er etwa 1899 in einer Rede: "Hier in unserem Vaterlande Österreich liegen die Verhältnisse so, dass sich die Juden einen Einfluss erobert haben, der mit über ihre Zahl und Bedeutung hinausgeht. In Wien muss der arme Handwerker am Samstag Nachmittag betteln gehen, um die Arbeit seiner Hände zu verwerten, betteln muss er beim jüdischen Möbelhändler. Der Einfluss auf die Massen ist bei uns in den Händen der Juden, der größte Teil der Presse ist in ihren Händen, der weitaus größte Teil des Kapitals und speziell des Großkapitals ist in Judenhänden und die Juden üben hier einen Terrorismus aus, wie er ärger nicht gedacht werden kann. Es handelt sich uns darum, in Österreich vor allem um die Befreiung des christlichen Volkes aus der Vorherrschaft des Judentums. Wir wollen auf dem Boden unserer Väter freie Männer sein und das christliche Volk soll dort herrschen, wo seine Väter geblutet haben. Aller Zwist, auch der bei uns in Österreich herrscht, ist darum durch die Juden entfacht, alle Anfeindungen unserer Partei rühren daher, weil wir der Herrschaft der Juden endlich einmal zu Leibe gerückt sind."

Wenn nun das Denkmal gestürzt und entfernt wird und im besten Fall in den Beständen des Hauses der Geschichte Österreich seinen neuen Platz findet, wird zwar nicht mehr öffentlich ein Antisemit und ja, einer der Wegbereiter für den Holocaust geehrt. Das ist natürlich zu begrüßen. Es würde damit aber eben auch ein Stückchen der Mantel des Schweigens über diesen Mosaikstein der Geschichte gelegt. Gerade der öffentliche Raum bietet jedoch die Möglichkeit, Menschen quasi im Vorbeigehen Geschichte zu vermitteln und Zusammenhänge begreifbar zu machen.

Bruchlinien der Geschichte aufzeigen

Würde man etwa den Entwurf Widihals umsetzen, würde sich der Betrachter fragen: warum ist das Denkmal schief? Warum droht es umzustürzen? Und würde sich dann vor Ort auf die Suche nach Antworten machen, die durchaus in Form einer Texttafel geliefert werden kann. Die jetzige Formulierung beschreibt was war und beschönigt nichts. Wirklich eindringlich spürbar wird der Antisemitismus von Lueger und das, was er auslöste aber nicht. Hier die Verbindung zu Hitler, der Lueger als Vorbild nannte und auch seinem Begräbnis beiwohnte, herzustellen, wäre schon überlegenswert. Man kann sich aber natürlich auch eine völlig neue Variante überlegen, durch eine Umgestaltung des Denkmals die Bruchlinien in der Geschichte dieser Stadt aufzuzeigen.

Was ich im Gegensatz zur völligen Entfernung des Denkmals allerdings sinnvoll fände, wäre den Platz – so wie 2012 schon den Ring-Abschnitt – neu zu benennen. Bei Straßennamen erklärende Tafeln anzubringen, ist zwar ein wichtiger Schritt. Dennoch bleibt die Adresse ein Begriff und nicht jeder, der dort wohnt, ein Restaurant betreibt, ein Geschäft führt, wird auf seinem Briefkopf oder in seiner Mail-Signatur mit einer Fußnote auf die problematische Person des Namensgebers des Platzes hinweisen. So ist der Name als ein wichtiger im allgemeinen Bewusstsein der Bewohner einer Stadt verankert.

"Judensau"-Darstellungen

Die Frage, wie mit historischem Antisemitismus und Antisemiten der Vergangenheit, die in oder auf Bauwerken zur Schau gestellt werden, heute umzugehen ist, begegnete mir dieser Woche auch in einem Bericht aus Deutschland. Dort gibt es an rund 30 evangelischen und katholischen Kirchen "Judensau-Darstellungen". Ja, Sie haben sich nicht verlesen – und das ist im wörtlichen Sinn zu verstehen. Dabei wird ein Schwein gezeigt, an dessen Zitzen Juden hängen und trinken. Ein solche Plastik befindet sich etwa an der Wittenberger Stadtkirche.

Aktuell kämpft, wie die "Bild"-Zeitung diese Woche berichtete, die evangelische Kirchengemeinde Calbe in Sachsen-Anhalt, darum, das inzwischen restaurierte Relief mit einer solchen Darstellung nicht mehr aufhängen zu müssen. Doch die Denkmalschutzbehörde erlaubt dies nicht, der mittelalterliche Zustand der Sankt-Stephanie-Kirche müsse wiederhergestellt werden. Die Kirchengemeinde selbst will das nicht, die Figur mit dieser "schrecklichen Botschaft" sei für die Gemeinde "unerträglich", wird Pfarrer Jürgen Kohtz zitiert. Da sie nun aus Denkmalschutzgründen zurückkommen müsse, werde man sie aber "als Zeichen unserer Scham" verhüllen. Das sei nicht die Botschaft, die man heute als Christen in die Welt geben wolle.

Nun kann ich den Pfarrer und auch die Gemeinde gut verstehen. Einerseits. Andererseits denke ich auch hier: wer nur entfernt, entfernt die eigene unangenehme Geschichte, ohne sich ihr zu stellen. Wer den Schandfleck belässt, ihn erklärt und sich von ihm distanziert, übernimmt dagegen die Verantwortung auch für die schlechten Seiten der eigenen Geschichte, behält sie in Erinnerung und kann sie auch als stete Mahnung begreifen, dafür zu sorgen, dass sich solche Dinge nicht wiederholen. Ja, angenehm ist das nicht. Aber es ist vielleicht ein konstruktiver Ansatz, die Zukunft besser zu gestalten.