In meinen Oberstufenjahren habe ich am liebsten Pink Floyd gehört. Die Alben waren zu dieser Zeit zwar schon einige Jahre alt, die Musik von Hitparaden-tauglich weit entfernt, aber das war die Musik, die mich happy machte. Mit "The Final Cut" war die Welt wieder in Ordnung, egal was rundherum alles an nicht so Angenehmem passierte. Wenn ich heute "The Final Cut" wieder einlege (viel zu selten, wenn ich so darüber nachdenke) kommt dieses Gefühl sofort wieder. Ich werde dieses Album wohl mein Leben lang mögen, genauso wie "The Wall".

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Leicht macht mir das Roger Waters, Mitbegründer von Pink Floyd, schon seit Jahren nicht. Er ist einer der prominenten Fürsprecher der Israel-Boykott-Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions). Sein Hass auf Israel schraubt sich dieser Tage aber ins Unermessliche: er schiebt dem Land nun auch noch eine Mitschuld am Tod George Floyds zu. Klingt absurd?

Er argumentiert das in einem Interview für ein palästinensisches Medium so: Die "militarisierte Polizei" in den USA habe ihre tödlichen Praktiken wie das Knien auf dem Opfer von der israelischen Polizei erlernt, die das wiederum bei der Festnahme von Palästinensern so machen würden. Und: die US-amerikanischen Polizeikräfte hätten sogar israelische Experten eingeflogen, um ihnen beizubringen, wie man black people ermorde, da die IDF, also die israelischen Streitkräfte, so effizient bei der Ermordung von Palästinensern seien. Mehr als ein lautes Seufzen fällt mir dazu auch nicht mehr ein.

Was bedeutet aber das nun hinsichtlich der Musik von Pink Floyd? Unterstützt man BDS, wenn man die Klänge von "The Final Cut" immer noch mag? Das erinnert mich auch ein bisschen an die Sache mit den Wagner-Opern. Nein, da rede ich nun gar nicht davon, dass Hitler Wagner-Liebhaber war. Wagner selbst vertrat einen vehementen Antisemitismus, nachzulesen auch in seiner Schrift "Das Judenthum in der Musik". Aber dann sitzt man in seinen Opern (ich gebe auch gleich zu, bei mir ist das schon ein ziemliches Weilchen her, hat aber Eindruck hinterlassen) und denkt sich: in dieser Musik ist so viel Kraft. Soll man darauf verzichten?

Nun ist Wagner schon lange tot und die Glanzzeiten von Pink Floyd sind lange vorbei. Wenn ich heute "The Final Cut" auflege, ist das eine CD, die ich mittlerweile seit Jahrzehnten besitze. Roger Waters verdient also an meinem Hörgenuss aktuell genau null Cent. Anders ist das bei einem anderen Produkt: der veganen Bolognese-Sauce des deutschen Vegan-Rezeptentwicklers Attila Hildmann. Ihm konnte man in den vergangenen Wochen auf social media quasi live bei seiner Radikalisierung zusehen.

Verschwörungstheorien

Die Corona-Krise brachte ihn mehr als nur einmal auf die Straße, er verbreitet dort, aber auch in Postings auf seinen diversen Kanälen im Netz krude Verschwörungstheorien wie jene, dass hinter dem Virus Covid-19 ein teuflischer Plan von Microsoft-Gründer Bill Gates stehe. Inzwischen gab er aber an dem Virus auch "den Juden" die Schuld. Jüdische Familien würden schon lange versuchen, "die deutsche Rasse auszulöschen". Es fiel ihm auch schon anderes Absurdes ein: so hätten Juden den Holocaust mitfinanziert. Wie man solche Dinge glauben kann? I don’t know. Hildmann scheint jedenfalls von dem überzeugt zu sein, was er mit so viel Pathos und Hass in die Welt hinausschreit.

Anders als Waters, der nicht davon profitiert, wenn ich die alten Pink Floyd-Alben abspiele, verdient Hildmann an jedem Glas Pastasauce und an jedem pflanzlichen Aufstrich, den ich entweder direkt in seinem Webshop bestelle oder im Reformhaus kaufe. Und ja, das widerstrebt mir schon sehr. Anderen geht es wohl ähnlich: Laut Medienberichten haben manche deutschen Händler seine veganen Produkte inzwischen ausgelistet.

Im Grund sind wir dann wieder bei dem Ansatz der BDS-Bewegung: hier soll Israel durch einen Boykott auf verschiedensten Ebenen geschadet werden. Will ich wiederum Hildmann dadurch schaden, dass ich seine Produkte nicht mehr kaufen möchte? Nein. Vielmehr möchte ich niemanden unterstützen, der pauschal gegen Juden hetzt, der pauschal gegen Menschen wie mich hetzt. Man braucht ja nicht auch noch die Hand zu füttern, die einen für das Böse dieser Welt verantwortlich macht.

Das Kind zeigte mir indessen heute Fotos, die zeigen, dass das Textilunternehmen Urban Outfitters mit seinen Designs auch immer wieder stark daneben greift. Da gab es Sweatshirts, die einen Bezug zu school shootings herstellen, aber auch ein Design im KZ-Streifen-Look mit rosa Winkel. Auch Zara setzte einmal auf ein Streifenshirt mit einem dem "Judenstern" nachempfundenen Emblem. Ideologie oder Provokation, um den Verkauf anzukurbeln? Ich gehe von Letzterem aus, in beiden Fällen sind solche Entwürfe befremdlich. Und in beiden Fällen stellt sich die Frage, ob man solch ein Unternehmen mit seinem Einkauf unterstützen möchte.

Billiges Produzieren

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir alle immer öfter angehalten sind, unseren Konsum zu hinterfragen. Das zeigen nicht zuletzt die Missstände, die im Zug der Coronakrise in diversen landwirtschaftlichen oder Lebensmittelbetrieben auftraten. Hier geht es aber weniger um ideologisch aufgeladene Botschaften, die das Unternehmen mit den Produkten oder Aussagen des Managements tätigt. Hier geht es darum, wie Menschen einerseits und Tiere andererseits behandelt werden. Hier geht es darum, dass es einen Grund hat, wenn Produkte zu günstig angeboten werden.

Oft wird von jenen, die observant leben und daher auch strikt koscher essen, geklagt, dass koschere Nahrungsmittel – allen voran Fleisch – im Vergleich zu den Preisen in anderen Supermärkten sehr teuer sind. Sieht man sich aber gerade die koschere Fleischproduktion an, wird auch rasch klar: hier wird auf das Tierwohl geachtet, hier darf es keine langen Transporte geben, hier wird von Hand geschlachtet. Und da die Tiere nach der Schlachtung noch einmal sehr genau beschaut werden und das Tier völlig gesund gewesen sein muss, damit sein Fleisch als koscher eingestuft wird, muss das Tier eben auch schon zu seinen Lebzeiten gut untergebracht und gut aufgezogen worden sein.

Und ja, das darf seinen Preis haben. Genauso wie Bio-Fleisch seinen Preis hat und haben darf. Oder andere Bio-Lebensmittel, wie beispielsweise Eier. Um das Bio-Label zu erhalten, müssen sich die Hühnerbauern übrigens auch verpflichten, keine männlichen Küken zu töten. Für mich ist das der Hauptgrund, ausschließlich Bio-Eier zu kaufen.

Oft wird das Bild des mündigen Konsumenten beschworen. Nein, ich glaube nicht, dass man so alles, was zum Beispiel in der Lebensmittelproduktion schiefläuft, korrigieren kann. Wer über ausreichend Geld verfügt, tut sich hier leichter – Menschen und Familien mit knappem Budget können sich den Luxus, zu diesem oder jenem billigen Produkt aus den verschiedensten Gründen nein zu sagen, schlicht nicht leisten. Aber es gibt doch genügend Menschen, die auch mit ihren Konsumentscheidungen ein Statement abgeben können. Und je mehr dies tun, desto klarer wird die Botschaft seitens der Unternehmen vielleicht auch verstanden.