Shira Haas hüpft mit Amit Rahav jubelnd auf dem Bett herum: die beiden unglücklichen Eheleute aus der Miniserie "Unorthodox" freuen sich hier sichtlich in besserem Einvernehmen als in ihren Rollen Esther und Yanky Shapiro über die eben verkündeten acht Emmy-Nominierungen für "Unorthodox", darunter auch eine für Haas als beste Hauptdarstellerin. Das in mehreren Social Media gepostete Video geht derzeit viral und hinterlässt mich mit gemischten Gefühlen: ja, toll, wer freut sich nicht darüber, für einen Emmy nominiert zu werden. Aber hier mischt sich zu viel Privates mit Öffentlichem. Entweder ich schaue mir die Nominierungen auf meinem Bett an und freue mich – wonderful! Oder ich mache ein kurzes Video und danke den Fans oder whatever. Manchmal ist das Bemühen um Authentizität schon so too much, dass es eben ein bisschen schräg herüberkommt. Wie auch immer.

Dieses Gefühl von ein bisschen zu viel begegnete mir dann allerdings gleich wieder, und zwar in der Berichterstattung von jüdischen Medien über die Emmy-Nominierungen. Denn da werden alle Produktionen mit jüdischen Darstellern, Produzenten, Themen herausgefiltert und der potenzielle Auszeichnungsreigen nur durch diese Brille gesehen. Ich liebe "Marvelous Mrs. Maisel" und 20 Nominierungen (und das ist nun wirklich eine bombastische Zahl) sind natürlich berichtenswert. Aber in dieser Zusammenschau – Nominierungen für Produktionen wie "Schitt’s Creek" über "Black Mitzva" bis zu "Big Mouth" und für Darstellerinnen wie Maya Rudolph, Tracee Ellis Ross oder Julia Garner – hat man doch das Gefühl, da wird alles, was nur irgendwie in einen jüdischen Bezug gebracht werden könnte, aufgelistet.

Ambivalenz

Und ja, das ist natürlich interessant. Aber wenn man dann einen Schritt zurück macht, sieht man doch auch ein Stück Ambivalenz. Denn in die Freude über diese Erfolge mischt sich auch eine Prise Unbehagen. Tut es gut, das so herauszukehren? Macht einen das nicht als Gruppe, als Community möglicherweise zur Projektionsfläche für Angriffe und Neid? Andererseits: verstecken sollte niemand seine Identität und auch nicht seinen Erfolg. Und Stolz ist nichts Ehrenrühriges.

Ähnliche gemischte Gefühle beschleichen mich übrigens seit einiger Zeit auch bei der alljährlichen Bekanntgabe der Nobelpreise. Ja, die Liste der jüdischen Preisträger und Preisträgerinnen ist lang. Und natürlich, darauf kann man stolz sein. Aber wenn das eben alljährlich gar so sehr mit historischen Aufstellungen und Statistiken untermalt daherkommt, fühlt sich das eben auch ein bisschen too much an. Für mich. Viele meiner Freunde und Freundinnen werden das wohl ganz anders sehen, manche teilen meinen Zwiespalt.

Falsche Rücksicht?

Wieviel Wir-Gefühl ist gut, wieviel Wir-Gefühl stärkt – und wieviel davon ist zu viel? Und wie kommt das beim Gegenüber – in diesem Fall der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft außerhalb Israels – an? Und nein, von mir wird an dieser Stelle nichts zu lesen sein, dass in die Richtung geht: seien wir doch ein bisschen leiser, dann werden wir auch mit weniger Antisemitismus konfrontiert sein. Der Antisemitismus ist da, egal, wie Juden und Jüdinnen sich verhalten. Mehr noch: Dinge zu äußern wie, die brauchen sich ja nicht wundern, dass sie angefeindet werden, wenn sie sich so darstellen, ist eine ganz miese Argumentation und ja selbst schon wieder antisemitisch. In diesem Sinn: ja, warum sich verstecken, warum nicht stolz die eigenen Leistungen und Erfolge kommunizieren, warum aus falscher Rücksicht nicht das eigene Glück in die Welt hinausposaunen.

Wäre ich Shira Haas, hätte ich mir die Nominierungen wohl in einem anderen Setting angesehen und ein Video davon hätte ganz anders ausgesehen. Ich bin aber nicht Shira Haas und sie ist im Gegensatz zu mir nicht nur Schauspielerin, sondern auch viel jünger, und höchstwahrscheinlich finden viele die Auf-dem-Bett-Herumspringerei herzerfrischend und freuen sich mit. Und vielleicht muss man hier auch ins Kalkül ziehen, dass die Welt grundsätzlich eine immer lautere wird, in der jene, die sich gut in Szene setzen, in der Regel mehr Erfolg beschieden sein wird. Zurückhaltung wird selten belohnt. Und leider wird Zurückhaltung schon gar nicht mit weniger Antisemitismus belohnt. Die Lektion haben Juden und Jüdinnen weltweit inzwischen gelernt.