Am 6. Mai hätte die Wiener jüdische Reformgemeinde Or Chadasch (Hebräisch: neues Licht) ihr 30jähriges Bestehen gefeiert – doch die Coronakrise machte es unmöglich, einen öffentlichen Festakt zu begehen. Vielleicht war dem einen oder anderen Gemeindemitglied aber ohnehin nicht nach großem Feiern zumute: die vergangenen Monate waren von einem schwelenden Konflikt über die inhaltliche Ausrichtung und Entwicklung der Community geprägt, die schließlich in eine vorgezogene Vorstandswahl mündete. Sie wurde per Briefwahl organisiert und Ende Juli die Stimmen ausgezählt. Vergangene Woche stand der neue Vorstand fest. Und dieser wählte nun wiederum Eric Frey (56) zum neuen Präsidenten von Or Chadasch. Sein wichtigstes Anliegen ist jetzt, dass die internen Dispute beigelegt werden und der Zusammenhalt funktioniert.

Der Standard-Journalist Eric Frey löst den Arzt Dori Much als Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch ab. - © Heidi Seywald
Der Standard-Journalist Eric Frey löst den Arzt Dori Much als Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch ab. - © Heidi Seywald

Der Politologe und Journalist, der leitender Redakteur beim Standard ist und sowohl über wirtschaftliche als auch außenpolitische Themen schreibt, urlaubt derzeit mit seiner Familie in Italien, wo ich ihn telefonisch erreichen konnte. Sommerfeeling an der Adria: eine jährliche Familientradition, der die Freys auch heuer trotz Corona-Epidemie treu geblieben sind. Ähnlich verhält es sich mit Or Chadasch: Schon Eric Freys Eltern waren seit der Gründung vor 30 Jahren hier aktiv. Eric Frey selbst, der mit dem orthodoxen Judentum im Stadttempel groß wurde, lernte bei seinem Studium in den USA dort das liberale Judenum kennen, ein Judentum also, das sich von der Orthodoxie vor allem dadurch abgrenzt, dass die gelebte Praxis an moderne Zeiten angepasst wird. Eines der wichtigsten Elemente ist dabei die Gleichstellung von Männer und Frauen. In einem Gottesdienst von Or Chadasch sitzen Frauen und Männer auf einer Ebene, der Minjan wird von Vertretern beider Geschlechter gebildet ("egalitärer Minjan").

"Meine Verankerung im Judentum"


Er sei kein wirklich religiöser Mensch, erzählt mir Eric Frey, gleichzeitig habe das Judentum immer einen großen Stellenwert in der Familie gehabt. Das Reformjudentum korrespondiere dabei mehr mit seinen politischen und gesellschaftlichen Werten als die Orthodoxie, so hat er hier mit seiner Familie – er ist Vater von zwei erwachsenen Kindern, seine Tochter Isabel Frey interpretiert übrigens erfolgreich jiddische Protestlieder neu – eine spirituelle Heimat gefunden. "Das ist meine Verankerung im Judentum. Or Chadasch bietet den Rahmen, ein intensives Judentum zu leben, das eben nicht oberflächlich ist, aber eines, das durch die Gleichstellung von Mann und Frau, durch die Anpassung an die moderne Zeit und durch die intellektuelle Auseinandersetzung mit Dogmen in mein restliches Leben passt."

Anders als in den anderen Synagogen in Wien, die – egal ob aschkenasisch oder sefardisch orientiert – alle nach orthodoxem Ritus geführt werden, wird bei Or Chadasch auch seit vielen Jahren ein Erev Pride begangen. Homosexuelle und insgesamt Vertreter der LGBT-Community sind hier willkommen, niemand braucht seine Identität zu verstecken. Das gilt auch für den Rabbiner. Der derzeitige junge Rabbiner von Or Chadasch, Lior Bar-Ami, bekennt sich zu seiner Homosexualität. Dieser gar offene Umgang war manchen Mitgliedern offenbar zu prononciert, aber auch kleine Änderungen im Ablauf des Gottesdienstes führten zu den Unstimmigkeiten in der Gemeinde, die nun eben in einer vorgezogenen Vorstandswahl mündeten.

Bei Or Chadasch sei man niemals homophob gewesen und Mitglieder der LGBT-Community seien hier seit jeher willkommen, so Frey. "Aber es gibt eben auch jene, die meinen, das gehöre still behandelt und nicht in den Vordergrund gerückt." Das bedeute aber wiederum auch nicht, dass der Rabbiner seine Homosexualität in den Vordergrund gerückt habe. "Aber es ist ein Teil seiner Identität und er steht dazu. Und er hat auch ein Recht, das zu deklarieren und zu teilen."

Viel Engagement des Rabbiners


Eric Frey gehört zu jenen, die sich freuen, dass Rabbiner Bar-Ami weiterhin Rabbiner der Gemeinde sein wird. "Ich schätze ihn sehr als Person und teile seine Werte." Gerade in der Corona-Krise habe es der Rabbiner durch auch viel digitales Engagement ermöglicht, dass die Gemeinde nicht auseinanderdriftet und gemeinsam gebetet werden konnte. Während des Shutdown wurden Gottesdienste via Zoom gefeiert – das ist im Gegensatz zum orthodoxen Judentum durch eine modernere Interpretation des Schabbat möglich. Inzwischen können bis zu 24 Personen inklusive Rabbiner und Pianist am gemeinschaftlichen Gebet in der Reformsynagoge teilnehmen – so kann der nötige Abstand gewahrt werden. Derzeit ist auch Maske aufzusetzen. Meist sind aber auch noch ein paar dutzend andere Gemeindemitglieder per Videokonferenz zugeschalten.

Insgesamt hat Or Chadasch rund 120 Mitglieder sowie 50 Freunde, die der Gemeinde verbunden sind. Sie befinden sich entweder noch im Prozess des Übertritts oder sind nicht jüdisch, aber etwa durch jüdische Partner Teil des Gemeindelebens. Während etwa in den USA, aber auch in Großbritannien der Anteil liberaler Juden an der jüdischen Bevölkerung hoch ist, kommt der Wiener Reformgemeinde teils immer noch so etwas wie ein Exotenstatus zu. Das Israelitengesetz sieht eine Einheitsgemeinde vor, mit der IKG Wien befindet man sich in einer komplizierten Beziehung. Derzeit sieht Frey hier aber einen Zustand eines "kühlen Friedens".

Hohe Wertschätzung drückt Frey für seinen Vorgänger an der Spitze von Or Chadasch, den Arzt Dori Much, aus. Er hat die liberale Gemeinde vor 30 Jahren gegründet, er hat sie nun Jahrzehnte lang geführt. Mit so einem Wechsel nach so langer Zeit seien nun natürlich auch viele Emotionen verbunden.

Viel wurde in diesen drei Jahrzehnten aufgebaut: bei Or Chadasch gibt es am Schabbes regelmäßig Gottesdienste, es gibt Schiurim, also Unterricht, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, eine Bibliothek, aber auch ein Kulturprogramm. Und es gibt die eigene Synagoge in der Robertgasse in der Leopoldstadt. Gemeinsam begangen werden natürlich auch die Feiertage. Corona-bedingt ist die Synagoge derzeit aber eben zu klein, dass die ganze Community dort im Herbst gemeinsam Rosch HaSchana und Jom Kippur begehen könnte. Er sei daher derzeit auf der Suche nach einem größeren Raum für die Hohen Feiertage, in dem Abstandhalten und Lüften gut möglich sei, erzählt der neue Präsident. Vorerst urlaubt er aber eben einmal am Meer und vielleicht trägt der Sommer ja auch dazu bei, dass sich die Wogen insgesamt etwas glätten und wieder Eintracht einkehrt in der liberalen jüdischen Gemeinde Wiens. Das wäre Freys größtes Anliegen.