Die Corona-Epidemie hat unser aller Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Ein Gefühl, das sich bei mir zuletzt immer öfter einstellt, ist das Empfinden, dass Orte, die im Vereinten Europa und durch das dichte Angebot an Flugverbindungen sehr nah zusammengerückt sind, nun wieder weit auseinanderliegen. Diese Woche wurde das Jüdische Museum Frankfurt nach fünfjähriger Umbauzeit wiedereröffnet. Es scheint neue Standards sowohl in der Präsentation als auch Museumsarchitektur zu setzen – nur leider kann ich da jetzt nicht hin. Sie hören ein tiefes Seufzen.

Internet und Social Media sei Dank, kann man sich aber auch aus der Ferne zumindest einen Eindruck machen. Durch einen luftig-transparenten Zubau (Staab Architekten, Berlin), der das historische neoklassizistische Rotschild-Palais, in dem das Museum bisher untergebracht war, ergänzt, verdoppelt sich die Nutzfläche nahezu auf insgesamt knapp 4.700 Quadratmeter.


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Jüdisches Museum Frankfurt
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Das Palais beherbergt nun auf drei Etagen die neu konzipierte Dauerausstellung "Wir sind jetzt", die – das finde ich besonders sympathisch – nun auch sehr viel Kunst enthält, dabei Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts ebenso wie zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen. Der Ausstellungsrundgang führt von der Gegenwart in die Vergangenheit, zeigt dabei wichtige historische Ereignisse auf, weist auf den Wandel von Traditionen und Ritualen hin und vermittelt Geschichte durch Geschichten aus jüdischer Perspektive.

Verwurzelt und entwurzelt

Kunst begleitet auch in das Museum hinein: zwischen Alt- und Neubau entstand ein Platz, der nach der österreichisch-deutschen Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, benannt wurde. Dort steht nun eine elf Meter hohe und 1,8 Tonnen schwere Skulptur des israelischen Künstlers Ariel Schlesinger. Er schuf dabei zwei Bäume – einer wurzelt im Boden und trägt den anderen, den entwurzelten, in der Baumkrone. Ein sehr stimmiges Bild, wenn es um das europäische Judentum geht, das hier über die Jahrhunderte Wurzeln geschlagen hat und doch immer wieder vertrieben und vernichtet wurde.

Stichwort Vernichtung: an Hand der Geschichte von Anne Frank wurde Millionen von Menschen der Holocaust erzählt. In Amsterdam kann man jenes Haus besuchen, in dem sich die Familie in der NS-Zeit versteckte. In Frankfurt, der Heimat der Familie, wo Anne Frank auch geboren wurde, beherbergt das Jüdische Museum nun auch das Familie Frank Zentrum. Dort sind 1.300 Objekte aus dem Besitz der Familie von Anne Frank zu sehen, darunter viele Alltagsgegenstände wie Briefe, Gemälde und Fotos.

Als ich meiner Tochter gestern davon erzählte, meinte sie sofort: "Da müssen wir bald mal hinfahren." Mit Begeisterung hatte sie das Tagebuch des Mädchens gelesen und auf ihr Drängen hin haben wir vergangenes Jahr das Anne Frank Haus in Amsterdam besucht sowie alle Filme angesehen, die das Leben von Anne Frank erzählen. Also ja, ein Besuch in Frankfurt steht also ganz oben auf der Post-Corona-Familien-Reiseliste. (Führen Sie auch schon eine solche?)

Museum to go

Einer, der nicht nach Frankfurt reisen muss, weil er seit einigen Jahren dort lebt, ist Werner Hanak. Der Österreicher war viele Jahre lang Chefkurator am Jüdischen Museum Wien, seit 2018 ist er stellvertretender Leiter des Jüdischen Museums Frankfurt. Und so habe ich ihn gestern gefragt, was denn seine drei Highlights im neu gestalteten Museum sind.

Als erstes nannte er dabei naturgemäß die neue Dauerausstellung: wenn man so lange an etwas arbeitet, ist da viel Herzblut drinnen. Was aber in seinen Erläuterungen greifbar wird: das neue Museum arbeitet mit vielen Video-Installationen und nutzt insgesamt viel Technik. Neu entwickelt hat das Haus ein Give Away mit RFID Technologie. Dieses "Museum to go" verbindet den Ausstellungs- mit dem Websitebesuch, indem Fotos, Filme und weitere Informationen an eine personalisierte Website gesendet werden, die mit einem Zugangscode aufgerufen werden kann. Klingt spannend.

Mit innovativer Technik hat auch Werners zweites Highlight zu tun: es handelt sich dabei um die Installation "Ask the Rabbi". "In einer wunderbaren Video-Installation geben die vier Frankfurter Rabbiner und die eine Frankfurter Rabbinerin Antworten auf kleine und große Fragen des Lebens." "Ask the Rabbi" ist ein bekanntes Format, das sowohl in jüdischen Medien als auch inzwischen auf Social Media sehr beliebt ist. Nun wurde es auch in die Museumswelt übertragen.

Als drittes Highlight nennt der stellvertretende Direktor "die Galerie mit den Gemälden des ersten jüdischen Malers, der eine akademische Ausbildung machen durfte: Moritz Daniel Oppenheim". Zu sehen ist in Frankfurt etwa seine Moses-Darstellung mit den beiden Steintafeln.

Offene Architektur

Und was hat das Museum in Frankfurt nun zu bieten, was es im Vergleich mit anderen jüdischen Museen einzigartig macht? "Die Großzügigkeit und Offenheit des neuen Lichtbaus von Staab Architekten. Hier können wir ein engagiertes ‚Museum ohne Mauern’ trotz Sicherheitsvorkehrungen gut umsetzen. Die Foyers, das koschere Deli mit der Terrasse und die große Bibliothek sind öffentlich – ohne Eintritt – zugänglich."

Was mir in diesem Kontext auffiel: bei den Eröffnungsfeierlichkeiten wurde auch das Thema Antisemitismus angesprochen. Lange galt ja seitens jüdischer Museen: sie verstanden sich als Orte, die über das Judentum sprechen, nicht aber über jene, die Juden hassen. Hier gab es aber zuletzt einen Paradigmenwechsel. Da reiht sich nun eine Aussage wie jene der Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bei der Eröffnung des umgestalteten Jüdischen Museums Frankfurt ein. Sie sprach angesichts der Offenheit des Museumskomplexes als "wichtiges Signal im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus". Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) wiederum betonte, "wir wollen, dass jüdisches Leben in diesem Land sichtbar ist – in einer Gesellschaft, die friedlich und in gegenseitigem Respekt miteinander lebt".

Seitens der Politik wird heute ja gerne das christlich-jüdische Europa bemüht und auf eine lange Tradition verwiesen. Nun finde ich es ja richtig, noch mehr im Bewusstsein zu verankern, wie lange das Judentum bereits in Europa zu Hause ist. Allerdings gibt es da eben auch eine begleitende Verfolgungsgeschichte. Heute gibt es zwischen Christentum und Judentum ein gutes Einvernehmen. Bis zur Schoa war dem nicht so, im Gegenteil, das Christentum hatte großen Anteil an der Diskriminierung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen. Auch darauf können Einrichtungen wie das Jüdische Museum Frankfurt Schlaglichter werfen.

Es gibt Wohlfühlorte und es gibt Nachdenkorte. Manches Mal gelingt es auch, beides unter einem Dach zu vereinen. Es gibt Ausstellungen zu jüdischen Themen, die vor allem das Bedürfnis nach Nostalgie bedienen – was einmal war und nicht mehr sein wird. Im Idealfall nimmt eine Schau den Besucher, die Besucherin aber auch in die Pflicht, nicht nur die Vergangenheit durch die rosa-rote Brille zu sehen, denn auch damals, um die Jahrhundertwende, als es in Deutschland und Österreich dieses reichhaltige jüdische Leben gab, schlug Juden und Jüdinnen Hass entgegen. Das gilt es nicht zu vergessen. Und in Frankfurt scheint man das genau so zu handhaben.