Es ist Dienstag Mittag, ich sehe die Bilder von der stillen Trauerbekundung der Staatsspitze am Desider Friedmann-Platz und denke, dass es hier in den 1980er Jahren bereits ein Attentat gab. Ich denke, wie oft ich über diesen Platz gehe. Ich denke, dass ein paar Menschen, die mir lieb sind, hier wohnen. Ich denke daran, dass viele Menschen, die ich gut kenne, im Gebäudekomplex Seitenstettengasse/Desider Friedmann-Platz arbeiten.

Gestern Abend, gegen 20.30 Uhr, rief mich eine liebe Freundin an, fragte, ob ich schon mehr über die Hintergründe der Schüsse rund um den Schwedenplatz wisse. Ich wusste nichts. Ich hatte noch gar nichts mitbekommen. Minuten später las ich bereits die ersten Medienberichte, sie sprachen zunächst von einem möglichen Anschlag auf die Synagoge.

Ich las diese Berichte und aus unerfindlichen Gründen – unerfindlich, da meine Familie und ich uns ja in Sicherheit in unserer Wohnung befanden - musste ich zu weinen beginnen. Vielleicht war das Nervenkostüm schon ein bisschen dünn. Zuvor hatte ich einen Interviewtermin am 4. Tor des Zentralfriedhofs absolviert. Auf diesem Friedhof hat es in letzter Zeit leider zu viele Begräbnisse gegeben.

Das erste, woran ich dachte, als ich die Berichte über einen potenziellen Anschlag auf die Synagoge überflog: meine Tochter geht in Nicht-Corona-Zeiten einmal in der Woche in den Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse in den Religionsunterricht. Wenn man da beginnt Was-wäre-wenn-Gedanken zu spinnen, schnürt es einem die Kehle zu. An der Ecke ist die jüdische Buchhandlung von Dorli Singer. Hoffentlich war das Geschäft da schon zu. Das Falafel-Lokal Maschu Maschu ist am Rabensteig. Hoffentlich ist da nichts passiert. Dann wurde klar: die Synagoge war geschlossen, auch die Büroräumlichkeiten der IKG Wien waren bereits geschlossen. So änderte sich der Tenor der Berichterstattung: Vielleicht waren also die Lokale im Umfeld das Ziel.

Jüdische Einrichtungen geschlossen

Der Krisenstab der IKG Wien, der die Mitglieder in den vergangenen Monaten vor allem mit Nachrichten zum Coronavirus versorgte, informiert seit gestern Abend die Gemeinde kontinuierlich zum Erkenntnisstand bezüglich des Attentats und ruft Juden und Jüdinnen auf, zu Hause zu bleiben. Das unterstreicht IKG-Präsident Oskar Deutsch auch heute in einer Aussendung. Bereits gestern Abend fiel die Entscheidung, dass heute alle Synagogen, jüdischen Schulen, koscheren Restaurants und Geschäfte geschlossen bleiben. Nach einer nun Dienstag Mittag erfolgten Lagebewertung hält man daran fest. "Wir bemühen uns, den sicheren Betrieb aller Einrichtungen schnellstmöglich wieder aufnehmen zu können. Dies erfolgt jedenfalls nur im Einvernehmen mit den Sicherheitsbehörden", so Deutsch. Er zeigte sich zudem erleichtert, dass sowohl Synagoge als auch die IKG-Büros zum Zeitpunkt des Anschlags bereits geschlossen waren. Auch das koschere Restaurant Alef-Alef war gestern – im Gegensatz zu vorgestern Abend – nicht offen.

Nun hat der Innenminister bereits bekannt gegeben, dass der von der Polizei getötete Attentäter ein (bereits einschlägig verurteilter) Islamist war. Und dann denkt man eben doch: nein, das kann kein Zufall gewesen sein, dass einer der Tatorte ausgerechnet die Seitenstettengasse war. Der IKG-Präsident formuliert es in der mittäglichen Aussendung so: "Ein antisemitisches Motiv der islamistischen Attentäter ist naheliegend, aber es zeigt sich auch, dass Antisemitismus, der dem Islamismus innewohnt, nicht nur eine Bedrohung für Juden und Jüdinnen ist, sondern für alle Menschen, denen es um Freiheit, Demokratie und Humanismus geht."

Der frühere IKG-Präsident Ariel Muzicant sagte einmal: die Stimmung gegen Juden in Europa, die Übergriffe, sie seien "wie ein Seismograph". Am Ende werde es die gesamte Gesellschaft betreffen. Diese Worte fielen mir eben ein. Heute spielt es keine Rolle, wer die Opfer waren, wer die Opfer sind, wem der Anschlag möglicherweise eigentlich galt. All das werden die Ermittlungen nach und nach zu Tage fördern. Trauer, Schock, Wut: wir alle gedenken heute wohl der Verstorbenen und hoffen, dass die Verletzten am Leben bleiben. Wir hoffen aber auch, dass jene, die Augenzeugen wurden, es schaffen, diese entsetzlichen Erlebnisse zu verarbeiten.

Gerade islamistische Attentäter wollen verunsichern, wollen Angst verbreiten. Dem sollte man nach Möglichkeit als Gesellschaft nicht nachgeben. Als Individuum tut man sich damit aber gar nicht so leicht. Jüdische Einrichtungen und damit auch der Stadttempel in der Seitenstettengasse werden gut bewacht. Man kann sich sicher fühlen, wenn man in der Synagoge betet.

Absolute Sicherheit gibt es nicht

Wie allerdings der gestrige Abend zeigt: absolute Sicherheit kann niemand gewährleisten. Der öffentliche Raum, wie es eine Gasse, ein Platz, eine Straße ist, wird immer eine Gefahrenzone sein. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen wird, wieder durch die Seitenstettengasse zu gehen. Ich weiß vor allem nicht, wie es sein wird, wenn meine Tochter wieder alleine in dieser Gegend unterwegs ist. Man kann sein Teenager-Kind natürlich nicht einsperren. Aber leicht wird das alles nicht. Dieser Anschlag wird wieder tiefe Spuren hinterlassen.

Was gut ist: die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) verurteilte die Tat sofort. Präsident Ümit Vural sprach von einer "feigen, abscheulichen Tat" und einem "Angriff auf unser Wien". Die IGGÖ biete nun ihre uneingeschränkte Kooperation mit den Sicherheitsbehörden an, der Täter sei aber nach derzeitigem Stand "nicht aus unserer unmittelbaren Religionsgemeinschaft".

Was auch zuversichtlich stimmt: zwei junge Männer mit türkischem Familienhintergrund trugen einen verletzten Polizisten in einer Situation, in der noch Gefahr herrschte, zum Rettungswagen. Einer der beiden sagt heute im ORF-Fernsehen, es sei für ihn selbstverständlich, hier zu handeln, das sei für ihn Zivilcourage. Sein Freund wurde bei der Rettungsaktion durch einen Splitter am Fuß verletzt.

Was bleibt: der Täter war bereits einschlägig wegen terroristischer Vereinigung verurteilt – er wollte auch nach Syrien ausreisen – und in Haft, aber wurde vorzeitig bedingt entlassen. Warum hier eine solche Fehleinschätzung vorgenommen wurde, wird wohl aufgearbeitet werden müssen.

Was ebenfalls Thema sein muss: was es mit Menschen und vor allem Kindern und Jugendlichen macht, wenn sie zwar nicht unmittelbar Zeugen des Attentats wurden, aber gestern Abend im Netz ein Video zu sehen bekamen, das zeigt, wie eines der Opfer ermordet wurde. Die Polizei bat wiederholt, solche Videos nicht zu verbreiten, sondern auf einer Seite des Innenministeriums für Ermittlungszwecke hochzuladen. Doch der Schaden ist bereits passiert.

Ich habe heute bereits ein langes Gespräch mit meiner Tochter geführt. Man soll offen mit den Kindern sprechen, sagen Experten, man soll nicht ausweichend reagieren und Fragen klar beantworten. Mit einem Teenager sind solche Gespräche sicher schon leichter zu führen als mit kleineren Kindern. Dafür sind sich ältere Kinder auch schon mehr der Tragweite eines solchen Anschlags bewusst.

Angst ist die Reaktion, die solche Attentäter erreichen wollen und daher keine passende Antwort. Sich der Angst zu entziehen, vor allem, wenn es nicht nur um einen selbst, sondern eben auch um das Kind geht, ist aber gar nicht so einfach. Es gibt sicher heldenhaftere Menschen als mich – wie zum Beispiel die beiden jungen Männer, die den Polizisten zum Rettungsdienst trugen. Ich ziehe meinen Hut vor solchen Menschen ebenso wie vor den Sicherheitskräften, die vergangene Nacht in der Wiener Innenstadt im Einsatz waren.