Vor ein paar Wochen war ich am 4. Tor des Zentralfriedhofs und dann stand ich wieder einmal vor dieser Wiese, die ich mit einem Meteoritenfeld assoziiere. Nun habe ich zwar in natura noch nie ein Meteoritenfeld gesehen, aber ungefähr so stelle ich es mir vor. Auf dieser Wiese liegen Steine, allerdings nicht aufeinander, sondern fein säuberlich verteilt, mit Abständen, nahezu ordentlich: man merkt, da hatte der Mensch seine Hand im Spiel. Kommt man näher, sind es auch nicht einfach nur Steine, sondern Fragmente von Steinplatten mit Inschriften – hebräischen Inschriften. Hier liegen Teile Jahrhunderte alter jüdischer Grabsteine, die sehr viel älter sind als die Friedshofsanlage am 4. Tor. Doch wo kamen sie her und wo gehören sie eigentlich auch wieder hin?

Zumindest ein Teil dieser Grabsteinfragmente sollte sich nicht in Simmering, sondern am Alsergrund befinden. In der heutigen Seegasse ist der älteste erhaltene Wiener jüdische Friedhof beheimatet: der Friedhof Rossau. Die Nazis ordneten seine Zerstörung an, das wollten einige Gemeindemitglieder so nicht zulassen und vergruben teils Steine am Friedhof selbst und brachten viele andere zum Zentralfriedhof, wo sie ebenfalls vergraben – und lange vergessen – wurden. Jiri Schreiber, langjähriger Steinmetz am 4. Tor, dessen Betrieb genau neben dem heutigen Steinfragmentefeld liegt, schrieb auf einer Informationstafel dazu im August 2007 Folgendes: "Hier wurden von uns Fragmente einiger Grabsteine, welche ursprünglich vom jüdischen Friedhof Rossau, heute bekannt als die Seegasse im 9. Wiener Bezirk stammen, aufgelegt. Diese Grabsteinteile wurden bei Planierarbeiten hier am Zentralfriedhof zufällig von uns entdeckt und gerettet."

Ein Teil dieser Steine wurde inzwischen wieder in die Seegasse zurückgebracht, ein anderer Teil auf dem dortigen Friedhofsareal selbst ausgegraben. Doch wie lange wird es dauern, bis auch die restlichen Grabsteine auf der Wiese an ihren ursprünglichen Ort zurückkehren? Und wie stellt man sie dort wieder auf?

Momentan kann der Friedhof, der sich hinter einem Seniorenwohnhaus befindet und nur durch dieses betreten werden kann, nicht einfach so besucht werden. Glücklicherweise fielen meine diesbezüglichen Recherchen aber mit einer Begehung von Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, des Bundesdenkmalamts und der Kulturabteilung der Stadt Wien auf dem Friedhofsgelände in der Seegasse zusammen. Und so stand ich am gestrigen Mittwoch nach vielen Jahren wieder einmal auf diesem Friedhof, der sich momentan wie ein großes, noch nicht fertiggestelltes Puzzle darstellt.

Unter dem Projektmanagement des Bildhauers und Restaurators Heinz Stöffler wird nun Stein um Stein zugeordnet und an der richtigen Stelle gesichert wieder aufgestellt. Handelt es sich um ein Fragment im oberen Bereich des Grabsteins, wird der untere Teil nachgegossen – allerdings optisch so, dass klar ist, welcher Teil Original ist und welcher nur nachgebaute Stütze. Gesichert bedeutet in diesem Zusammenhang: es wird ein Betonring angefertigt, der dem Stein Halt gibt, aber mit Sand befüllt wird, sodass das Regenwasser durchsickern kann und der Stein nicht in Mitleidenschaft gezogen wird, erklärte mir Heinz Stöffler gestern. Gleichzeitig erlaubt diese Art der Befestigung, dass Steine auch noch versetzt werden können, sollte das nötig werden.

Wachsteins große Hinterlassenschaft

Doch wie weiß man, wo welcher Stein hingehört? Und wie können Fragmente richtig zugeordnet werden? Der Friedhof wurde im 16. Jahrhundert errichtet, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1582. Man geht davon aus, dass das erste Grab um 1540 hier errichtet wurde.

Dass die Nazis es am Ende nicht geschafft werden haben, dieses Kulturdenkmal für alle Ewigkeit zu zerstören – wo ja jüdische Gräber noch dazu für die Ewigkeit angelegt werden – ist Bernhard Wachstein zu verdanken. Der jüdische Gelehrte (1868 – 1935) baute die Bibliothek der IKG Wien neu auf, er erstellte aber im Auftrag der Historischen Kommission der IKG Wien auch einst eine Dokumentation der Gräber in der Seegasse. "Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien" erschien 1912 bei Wilhelm Braumüller und dieses Buch ist ein wahrer Schatz: Jeder Grabstein wurde hier fotografiert oder es wurde, wenn er schon zu verwittert war, die Inschrift mittels "Abklatsch" festgehalten.

So können nun auch kleinste Fragmente mit den durch Wachstein dokumentierten Inschriften (jeweils im hebräischen Original und der deutschen Übersetzung festgehalten) verglichen und zugeordnet werden. Ein Lageplan ermöglicht zudem auch die Rekonstruktion des Standortes, so werden die Grabsteine nach der Fertigstellung – Stöffler geht hier von einem Zeitrahmen von fünf bis sechs Jahren, also bis etwa 2026 oder 2027 aus – auch über den dazugehörigen Gebeinen stehen, die im Erdreich verblieben sind. Genau darum gehe es nämlich, betont der Projektleiter: "Die Gräber sind wieder zurückzugeben." Dort, wo kein Stein und nicht einmal mehr ein Fragment auffindbar ist, wird nun ein Betonriegel hingesetzt. Damit wird markiert, wo sich ein Grab befindet – à la longue sollen aber so auch die ursprünglichen Wege des Friedhofes wieder sichtbar werden.

Die Dokumentation Wachsteins ist inzwischen auch online als PDF zugänglich. Fast 700 Seiten umfasst alleine der erste der beiden Bände und ein Hineinlesen ist für alle, die sich für Geschichte und die Wiener jüdische Gemeinde interessieren, spannend. Neben der Dokumentation der Gräber bemühte sich der Gelehrte auch alle verfügbaren Fakten um den Friedhof zusammenzufassen. Demnach war das Areal zur Zeitpunkt der Dokumentation 2.258 Quadratmeter groß und der Friedhof war schon vor mehr als 100 Jahren durch ein Gebäude zu betreten – damals stand dort das "Israelitische Versorgungs- und Siechenhaus".

Hinweise auf die Vertreibung 1670

Wachstein beschreibt zudem, wie bei der genaueren Betrachtung des Friedhofs ein Bruch greifbar wurde: "Erst bei einem oftmaligen Durchstreifen des Friedhofes bemerkt man schon an der äußeren Form der Denksteine, dass Mitglieder zweier verschiedener Judensiedlungen hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Die Steine aus der Zeit vor 1670 tragen trotz der Verschiedenheit im einzelnen mehr oder weniger einen bürgerlichen Charakter. Anders die aus späterer Zeit. Hier wechseln Prachtdenkmäler großer Herren mit bescheidenen Denksteinen. Die alte Gemeinde ist 1670 aus Wien vertrieben. An ihre Stelle rücken nach und nach einzelne zumeist finanzkräftige Juden, die mit ihrer Klientel eine neue Siedlung bilden."

Der Gelehrte versuchte in den Inschriften der Grabsteine auch Hinweise darauf zu finden, dass die jüdische Gemeinde abgelehnt und schließlich vertrieben wurde. "Durchmustern wir die Aufschriften der in diesem Bande behandelten Grabsteine aus der Zeit der älteren Siedlung, so werden wir im ersten Augenblicke nicht erkennen, dass die Menschen, deren Andenken diese Denkmäler gewidmet sind, in einer Art Ausnahmezustand gelebt haben. Erst eine eindringliche Analyse, namentlich eine Betrachtung der Art und Weise, wie das Lob ihrer Führer seinen Ausdruck findet, wird den Forscher auf die Vermutung führen, dass diese Menschen eines fortwährenden Schutzes bedürftig waren."

931 Grabsteine dokumentierte Wachstein und versuchte dabei, zu jeder Person auch so weit die Dokumentenlage es erlaubte, etwas zur Biografie zu recherchieren. Den ersten Grabstein ordnete er einem gewissen Mordechai ben Gerson Menzel zu und datierte ihn – mit einem Fragezeichen versehen – ins Jahr 1540. Gefertigt ist dieser aus Sandstein – so wie weitere 272 Steine. Ein Fünftel wurde aus dem ziegelroten so genannten ungarischen Marmor geschlagen (der sich über die Jahrhunderte allerdings als nicht widerstandfähig erwies), ein Drittel aus Kalkstein, einige Steine aus weißem Marmor und der Rest eben aus Sandstein.

Sprachlich, so das Urteil Wachsteins vor mehr als 100 Jahren, hätte der Stil der Wiener Inschriften keinen Vergleich mit Inschriften italienischer Juden aus derselben Zeit standgehalten. "Ferner kann eine allmähliche Verschlechterung der Sprache konstatiert werden. Der Grund wird wohl in dem Umstand zu suchen sein, dass die aus Zentren jüdischer Gelehrsamkeit kommenden ersten Ansiedler hier keinen günstigen Boden vorgefunden haben. Trotzdem die Wiener Judenheit berühmte Persönlichkeiten zu Rabbinern berufen hat und außerdem, namentlich in den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts, viele polnische Gelehrte in ihrer Mitte beherbergte, konnte sich ein derartiges Milieu wie in den Gemeinden Polens, oder sogar wie etwa in Prag nicht entwickeln. Es ist also im allgemeinen weder der vollendete italienische Stil, noch die flotte, rabbinische Sprache Polens zu finden." Auch hier also ein Hinweis auf die für Juden in Wien nicht so günstige Stimmung.

4.000 Gulden und ein Versprechen für die Ewigkeit

Dass der Friedhof trotz der Vertreibungen von 1670 erhalten blieb, ist den Söhnen des Kaufmanns Koppel Fränkel zu verdanken. Letzterer verstarb 1670. Die Nachkommen schlossen daraufhin mit dem damaligen Bürgermeister und Rat der kaiserlichen Residenzstadt Wien einen Vertrag, dem zu Folge der Friedhof auf ewige Zeit bewahrt werden muss. Dafür zahlten sie 4.000 Gulden.

Als die Stadt Wien 1978 das Grundstück kaufte, auf dem sich der Friedhof befindet, verpflichtete sie sich, den Friedhof zu restaurieren. Unter Bürgermeister Leopold Gratz wurde die "Unantastbarkeit für alle Zeiten" zudem erneut festgeschrieben – der alte Vertrag aus dem 17. Jahrhundert ist übrigens nach wie vor gültig. Angesichts des Alters des Friedhofs muten die vielen Jahre, die nun die Restaurierung schon andauert, gar nicht mehr so lange an.

Nach der Fertigstellung werden die heutigen technischen Möglichkeiten jedenfalls ein ganz anderes Eintauchen in die Geschichte erlauben als noch vor ein paar Jahrzehnten. Dann nämlich kann man sich Wachsteins Dokumentation auf ein Tablet laden, damit von Grab zu Grab spazieren und nachlesen, wer hier seit Jahrhunderten darauf wartet, dass einst der Messias kommt.