Die Hamas schickte in den vergangenen Tagen tausende Raketen nach Israel. Manche von ihnen stürzten noch über Gaza ab. Das Abwehrsystem Iron Dome hat in Israel viele abgefangen, aber nicht alle. Israel schlug zurück. Da wie dort sind Tote und Verletzte zu beklagen, und ja, wie immer bei solchen Konfrontationen sind es auf palästinensischer Seite wesentlich mehr als in Israel. Womit das zu tun hat? Nun, da gibt es eben Iron Dome. Da gibt es Schutzräume, auch wenn längst nicht alle Israelis über einen solchen verfügen. Freunde und Freundinnen in Tel Aviv verbrachten zuletzt viel Zeit in ihrem Stiegenhaus. Israel tut alles, um seine Bürger und Bürgerinnen zu schützen. Auf palästinensischer Seite ist in Gaza mit der Hamas laut Einschätzung der EU eine Terrororganisation an der Macht. Ihr Ziel ist die Auslöschung Israels. Alleine, dass sie in Kauf nimmt, dass ihre weitgehend, teils in Hinterhöfen, selbst gebauten Raketen ohne Lenksystem noch in Gaza wieder einschlagen, zeugt nicht von besonderer Fürsorge der eigenen Bevölkerung gegenüber.

Sie empfinden diese Einschätzung als parteiisch, als pro-jüdisch, als palästinenserfeindlich? Eine völlig objektive Betrachtung gibt es in diesem Konflikt wohl leider kaum. Pro-jüdisch? Geschenkt! Palästinenserfeindlich: Absolut nicht! Die Bevölkerung Gazas ist eine der Leidtragenden in dieser bewaffneten Auseinandersetzung. Ich würde mir wünschen, sie hätte eine andere Führung. Ich würde mir wünschen, sie würde kennenlernen, wie es ist, in einer Demokratie zu leben. Ich würde mir wünschen, es käme endlich zu einer Zwei-Staaten-Lösung. Dass Juden und Jüdinnen und Muslime und Musliminnen gut miteinander auskommen können, zeigt der Alltag in Israel selbst. Mitarbeiter eines Krankenhauses in Haifa mit unterschiedlichem Background schickten dieser Tage auf Social Media berührende Friedensbotschaften in die Welt. Und nein, das ist eben keine Ausnahme. Das ist die Realität in Israel.

Tausende Kilometer entfernt tummeln sich in Österreich auf Social Media tausende und abertausende Nahostexperten und –expertinnen. Es reicht das Stichwort "Siedler" und schon ist alles klar. Das böse Israel enteignet arme Palästinenser. Doch so einfach ist das nicht. Um die Besitzverhältnisse zu klären, braucht es einen langen Blick zurück in die Geschichte. Einen Blick, der länger zurückreicht als die Staatsgründung 1948. Man muss sich ansehen, was noch in der Zeit des Osmanisches Reiches (bis 1918) passiert ist, man muss sich ansehen, welche Rolle danach Jordanien spielte.

Aktuell geht es um ein Gerichtsverfahren, in dem die Besitzverhältnisse von Häusern von vier palästinensischen Familien in Ostjerusalem geklärt werden sollen. Das Oberste Gericht Israels wollte im Mai sein Urteil bekannt geben – doch die Entscheidung wurde auf Juni vertagt. Nun gibt es wieder Krieg in Israel. Das gleiche Gericht hat in der Vergangenheit auch schon gegen jüdische Siedler entschieden. Können Sie sich noch an die Räumung der Siedlung Amona erinnern? Wahrscheinlich nicht. Ja, auch dort gab es Widerstand der jüdischen Betroffenen gegen die Sicherheitskräfte. Aber es war auch relativ rasch wieder Ruhe und Terror gab es im Gefolge nicht.

Aufgeheizte Stimmung

Relativiert das das Leid derjenigen, die nun verletzt wurden, die sogar Tote in der Familie zu beklagen haben? Nein. Es soll nur Anstoß sein, nicht wie der Pawlow’sche Hund auf Stichworte in den Kampfmodus zu wechseln. Denn ja, auch hier zu Lande ist mancherseits eine mehr als aufgeheizte Stimmung zu beobachten. Dass für Frieden in Gaza demonstriert wird: wunderbar. Dass dabei aber der Holocaust relativiert wird, die Fahne der eben als Terrororganisation eingestuften Hamas zu sehen ist, dass antisemitische Parolen gerufen werden: das geht nicht.

Und nein, nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Aber wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, dann ist die Sachlage klar. Und was bedeutet denn der Hashtag #freepalestine, wenn man ihn zu Ende denkt? Die dort regierende Hamas will ja keine Zwei-Staaten-Lösung, weil sie Israel eben nicht zugesteht, ein Staat zu sein. Eine anderer Hashtag lautet #freepalestinefromhamas. Diese Forderung wäre wohl auch im Sinn vieler Palästinenser und Palästinenserinnen.

Leider wird im Kampf der Worte und Memes hier wenig unterschieden. Dieser Tage Facebook bewusst zu konsumieren, macht zuerst aggressiv und dann ohnmächtig. Vergangene Woche begegnete mir in meiner Timeline mehrmals die Zuschreibung, Israel sei ein Apartheidsstaat. Ich begann Menschen zu defrienden, die mir in anderem Kontext positiv untergekommen waren: etwa im Bereich der Flüchtlingshilfe. Doch auch das ließ ich bald wieder. Wo fängt man an, wo hört man auf? Was ist Meinung, was ist das Verbreiten von fake news?

Stichwort fake news: fehlende Objektivität in Zeitungen und TV-Anstalten wird sowohl von jüdischer als auch muslimischer Seite beklagt. Bitter wird es aber, wenn es Menschen gibt, die gar nichts mehr glauben, was in herkömmlichen Medien berichtet wird. Oder gar sagen, es seien sowieso alle Medien in jüdischer Hand oder unter jüdischem Einfluss. Die sich nur mehr via WhatsApp-Gruppen, Insta- und YouTube-Kanälen – vermeintlich – informieren. Das Ergebnis ist dann ein nicht enden wollender Schwall von Postings, durch den sich alles nur noch weiter hochschaukelt und sich auch die Koexistenz hier in Österreich schwierig gestaltet. Der Riss geht dann mitten durchs Klassenzimmer, durch die Sportgruppe, durch die Nachbarschaft. Und so ein Riss ist schwer zu kitten, denn das Vertrauen ist nicht mehr da.

Fahne am Bundeskanzleramt

Vergangenes Wochenende loggte ich mich in Facebook ein und gleich wieder aus. Am Freitag war sowohl am Bundeskanzleramt als auch am Außenministerium die israelische Fahne gehisst worden. Das sei als Zeichen der Solidarität zu verstehen und als Eintreten gegen Terror, betonte dazu Außenminister Alexander Schallenberg. Ja, klar, natürlich ist es schön zu sehen, dass es hier Solidarität mit Israel gibt. Das ist ja auf dem internationalen Parkett nicht immer so, Stichwort UNO-Sicherheitsrat. Aber die erwartbaren Reaktionen folgten auf den Fuß: das verstoße gegen die Neutralität Österreichs, meinten die einen. Das sei ein Affront gegenüber Muslimen und Musliminnen, die anderen. Vor allem letzteres ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn genauso wird es empfunden. Und das hätte im Vorhinein klar sein müssen. Es kann also sein, dass diese Fahne in Österreich das Gegenteil von dem erreicht, was beabsichtigt war. Es kann sein, dass das Hissen der Fahne noch mehr Unmut gegenüber Juden und Jüdinnen hier in Österreich entfacht.

Aber. Dieser Unmut wurde ja auch schon zwei Tage zuvor bei einer propalästinensischen Demonstration laut. Einerseits. Und andererseits macht es mich dann doch nachdenklich, wenn eine Fahne, auf dem ein positiv besetzter Davidstern prangt, so viel Ressentiments bewirkt. Denn ich habe das Gefühl, es geht eben nicht nur um die Fahne, es geht auch um diesen Stern, um dieses Symbol. Zuletzt wurden in Wien auf mehreren Plakaten des Jüdischen Museums sowohl das Logo, ein Davidstern, als auch der Begriff "Jüdisches" durchgestrichen, wie die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien dokumentierte. Und da ist er leider wieder, der Antisemitismus.

Doch wenn man dies benennt, dann ist ein anderer Begriff zur Hand: die "Antisemitismus-Keule". Ja, richtig gelesen. Das kommt aber dann von Leuten, die siehe eingangs, nicht mehr als das Stichwort "Siedler" brauchen, um so richtig in die Tastatur zu hauen.

Ich wünsche mir mehr differenzierte Auseinandersetzung, wenn es um das Thema Nahost und den Nahostkonflikt geht. Ich wünsche mir, dass Menschen so eine Auseinandersetzung wie die aktuelle zum Anlass nehmen, sich zuerst in die Materie einzulesen, bevor sie ihre Meinung kundtun. Dass sie wieder zu Zeitungen greifen, sich TV-Nachrichten ansehen. Ich wünsche mir, dass Influencer und Influencerinnen ihre jugendlichen Follower nicht mit Memes aufputschen und damit alles zunichtemachen, was in der Schule zuvor in Jahre langer Arbeit versucht wurde, an Medienerziehung, an Vermittlung von Toleranz und Respekt aufzubauen. Ich wünsche mir, dass Menschen erkennen, wann es Zeit ist, Social Media auch einmal für eine Weile den Rücken zuzudrehen. Niemand verpasst etwas, wenn er für ein paar Tage oder auch nur ein paar Stunden nicht online ist. Ich wünsche mir, dass ein tausende Kilometer entfernt stattfindender gewalttätiger Konflikt nicht auch in Österreich Gräben aufreißt. Vor einigen Jahren dachte und hoffte man, Social Media würden die Welt demokratischer, aufgeklärter, toleranter, egalitärer machen. Doch das Gegenteil scheint der Fall.

Die Jüdischen Österreichischen Hochschüler:innen (JÖH) beklagten zuletzt, dass sie auf ihren Social Media-Seiten mit massiven Hassbotschaften konfrontiert worden seien. "Viele von uns haben inzwischen ihre Social Media Accounts deaktiviert, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben", erklärte Sashi Turkof, Co-Präsidentin der JÖH. Auch in meiner Familie waren Memes etwa auf Instagram in den vergangenen Tagen ein beherrschendes Thema. Es ist nicht leicht, einen Teenager durch so eine Phase zu begleiten. Denn ja, manchmal fehlen einem da auch als Eltern die richtigen Guidelines.

Ich bewundere hier die Kraft und das Engagement etwa einer Sandra Kreisler (sie hat jüngst im Verlag Hentrich & Hentrich das Buch "Jude sein. Ansichten über das Leben in der Diaspora", veröffentlicht, in dem sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt und in "31 kurzen Polemiken" pointiert ihre Wahrnehmung, wie es sich als Jüdin in Europa lebt, schildert). Seit Tagen versucht sie auch auf Social Media ihre Position einzubringen. Mir fehlt diese Kraft. Beziehungsweise bin ich für mich zum Schluss gekommen, dass dieses Rund-um-die-Uhr-Anschreiben, dieser Social-Media-Krieg mich erschöpft, aber dadurch auch nichts gewonnen ist. Ich bin kein Fan rasch dahin gerotzter Parolen, die würden wohl mehr Anklang finden. Aber was würden sie bewirken? Und Koexistenz-Postings, die mir durchaus wichtig sind, weswegen ich sie immer wieder mache, die erreichen den bekannten Kreis der ähnlich Denkenden. Wichtig, ja, aber bewirken können auch sie nichts.

Rückzug

Und so merke ich, wie ich mich zurückziehe, mich diesen Debatten entziehe, und stattdessen spazieren gehe, wie am Sonntag in den wunderbaren Blumengärten Hirschstetten. Wenn man da in einer der Hollywoodschaukeln mit Blick auf Palmen sitzt, hat man fast das Gefühl, auf Urlaub zu sein. Und wenn man vor dem Schildkrötengehege steht und beobachtet, wie dort auf engstem Raum Enten, Schildkröten und Frösche gemeinsam und das sehr unaufgeregt leben, dann hat das etwas sehr Beruhigendes, das gleichzeitig wieder Energie gibt. Energie, um sich doch noch einmal daran zu setzen,  zu versuchen, die aktuelle Situation differenziert zu betrachten.

Was übrigens schön ist? Dass auch Muslime an dem Graben, der da aktuell zwischen Juden und Muslimen weltweit entsteht, verzweifeln. Was übrigens traurig ist? Dass auch Muslime an dem Graben, der da aktuell wieder zwischen Juden und Muslimen weltweit entsteht, verzweifeln. Und insoferne bleibt nur die Hoffnung, dass der aktuelle Konflikt zwischen Gaza und Israel bald ausgestanden ist. Die langfristige Lösung, die allen Menschen in der Region ein gutes Leben sichert, die scheint allerdings schon lange nur mehr eine Utopie zu sein. Aber ich irre mich gerne.