Ich bin ja handwerklich eher unbegabt. Oder vielleicht könnte ich manches sogar selbst herstellen, aber der Wunsch scheint dann doch nicht so groß zu sein. Ich habe allerdings immer gute Ideen beziehungsweise weiß, was ich gerne hätte, so aber nirgends bekomme.

Victoria Karschigijew mit einigen ihrer selbst kreierten Mesusot. 
- © Alexia Weiss

Victoria Karschigijew mit einigen ihrer selbst kreierten Mesusot.

- © Alexia Weiss

Immer wieder kommen mir in der Wiener jüdischen Gemeinde in der letzten Zeit junge Frauen unter, die nicht nur tolle Einfälle haben, sondern auch Nägel mit Köpfen machen. Eine von ihnen ist Victoria Karschigijew und so habe ich mich heute mit ihr getroffen.

Was Victoria so macht? Nun einerseits ist die 32Jährige Friseurmeisterin und betreibt am Rabensteig den Salon Karisma (Kontakt über: www.karisma-hair.at). Andererseits ist sie Mutter von vier Kindern zwischen drei und acht Jahren. Und ab 22 Uhr, wenn die Kinder im Bett sind, eröffnet sie sozusagen ihre Werkstatt.

In den vergangenen Jahren nähte sie dabei vor allem: Entstanden sind unter anderem Geschenke für Frauen, die gerade entbunden haben. Sie kreierte bunte Patchworkdecken, auf die sie ebenso den Namen des eben zur Welt gekommenen Babys einstickte wie auf Hüllen für den Mutter-Kind-Pass, der auch ein Fach für die E-Card enthält.

In den Corona-bedingten Lockdowns begann sie allerdings mit einem ganz anderen Material zu experimentieren: Epoxidharz. Zunächst goss sie Buchstaben, die sie zu Schlüsselanhängern weiterverarbeitete, fertigte Haarspangen und Lesezeichen, aber auch Schmuck. Auch bei unserem Treffen trug sie perfekt auf ihr Outfit abgestimmte selbst gemachte Ohrringe in Orange und Weiß.

Es ist immer jemand über dir

Dann aber kam sie auf ein Produkt, das ihr als traditionell lebender Jüdin wichtig ist und das sie jeden Tag durch ihren Alltag begleitet: die Mesusa. Dieses längliche, sehr schmale Kästchen wird am Türrahmen befestigt und in ihm wird das Schma Israel, ein wichtiges Gebet im Judentum, aufbewahrt.

Die Mesusa sei wichtig für sie, betont Victoria, "du weißt so immer, es ist immer jemand über dir. Gott passt auf". Sie küsse die Mesusa wenn sie das Haus verlasse und wenn sie wieder nach Hause zurückkomme. Damit verbinde sie dann den Gedanken: "Danke, dass ich wieder da bin."

Mesusot aus Epoxidharz herzustellen, stellte sie zunächst vor die Herausforderung, dass sie auch die Model selbst produzieren musste. Die Lösung bot ihr das Material Silikon. Aus ihm fertigte sie Gussformen. Unter drei Formen kann man nun aussuchen: zwei kleinere Modelle gibt es in einer schlichten, geraden und in einer verschnörkelteren Form. Die großen Mesusot wiederum eignen sich vor allem für Eingangstüren, so die Designerin.

Mit Spidermanfigur

Bei der Gestaltung sind der Phantasie dann keine Grenzen gesetzt: sie selbst hat ein Faible für Glitzer und getrocknete Blumen, die sie in die Mesusot miteingießt. Die Farben können bunt oder gedeckt sein. Grundsätzlich kann sie alles miteinarbeiten, was klein genug ist, sagt sie. Für eine Kindermesusa hat sie auch schon eine kleine Spiderman-Figur aus Plastik in ihre Kreation integriert.

Bei den bisherigen Bestellungen im Freundes- und Bekanntenkreis habe sie aber feststellen können: viele Menschen wollen es lieber zurückhaltender und neutraler. Den Reiz macht hier jedenfalls aus, dass man sich genau das bestellen kann, was man gerne hätte.

Platz bieten die Mesusot für die standardmäßig zehn bis zwölf Zentimeter langen Gebetsrollen. Diese werden von Toraschreibern gefertigt. "Da geht dann jeder zu seinem Rav", sagt Victoria. Sie und ihre Familie sind Sefarden. Ihre Eltern stammen ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion, sie selbst kam bereits in Wien zur Welt und besuchte dann die Chabad-Schule.

In unserer Wohnung sind natürlich überall schon Mesusot angebracht und hier nun anzufangen, diese auszutauschen, erscheint mir persönlich zu aufwändig. Aber für jene, die ohnehin alle paar Jahre ihr Haus oder ihre Wohnung umdekorieren, gibt es hier eine neue Anlaufstelle. Ich finde es auch schön, sich anlässlich des Umzugs von Freunden und Freundinnen zu überlegen, welche Mesusa ihnen gefallen könnte und dann eine solche in Auftrag zu geben.

Die Kosten für diese individuellen Anfertigungen sind überschaubar: das kleinere Modell hat Victoria Karschigijew mit 49 Euro veranschlagt, das größere mit 99 Euro. Wer drei Mesusot gleichzeitig erwirbt, bekommt alle etwas günstiger. Zehn Tage braucht es, bis eine Mesusa fertig ist, sie muss ja nicht nur gegossen werden, sondern auch aushärten und dann geschliffen werden, damit die Hinterseite, die schließlich mit einem Doppelklebestreifen am Türrahmen angebracht wird, schön glatt ist. Wer sich ein Modell mit Blüten wünscht, muss drei Wochen auf seine Mesusa warten: je nach Farbwunsch werden die Blumen derzeit frisch gepflückt, dann gepresst und schließlich eingearbeitet.