Es gibt die Tage, an denen sich eine denkt: kann ja gar nicht sein. Es ist 2021, Frauen machen die Hälfte – in Österreich sogar etwas mehr als die Hälfte – der Bevölkerung aus, und dennoch: immer noch sprechen wir über strukturelle Ungleichbehandlung, Stichwort: Gender Pay Gap, Stichwort: Unterrepräsentation in verschiedensten Gremien, etwa in Aufsichtsräten. Davon kann auch Claudia Prutscher ein Lied singen. Sie ist Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien und fühlt sich bei so manchem offiziellen Termin recht alleine unter Männern, vor allem wenn es um den interkonfessionellen Dialog geht.

Eine Arbeit der israelisch-Wienerischen Künstlerin Dvora Barzilai. 
- © Festival der jüdischen Kultur/Dvora Barzilai

Eine Arbeit der israelisch-Wienerischen Künstlerin Dvora Barzilai.

- © Festival der jüdischen Kultur/Dvora Barzilai

"Da sind Frauen in der absoluten Minderheit", erzählte sie mir diese Woche, "einmal war ich bei einer Veranstaltung tatsächlich die einzige Teilnehmerin. Die einzige Frau, die noch anwesend war, hat die Getränke serviert." Und auch im Kultusvorstand, vergleichbar mit einem Parlament, seien weit weniger als die Hälfte der Mandatare und Mandatarinnen weiblich, gibt sie zu bedenken. Während sich manche Fraktionen hier um Geschlechtergerechtigkeit bemühen, kommen auf den Wahllisten anderer Parteien Frauen an wählbarer Stelle schlicht nicht vor.

Im Alltag ist die Rolle der Frau(en) freilich eine gänzlich andere, und im Judentum ganz besonders, denn: laut Halacha, dem jüdischen Religionsrecht, wird das Judentum über die mütterliche Linie weitergegeben. Jude oder Jüdin ist also, wer von einer jüdischen Mutter zur Welt gebracht wurde. Das von den Nationalsozialisten geschaffene Konzept von Halbjuden kennt das Judentum selbst nicht. Kinder, deren Vater jüdisch ist, gelten laut Halacha nicht als jüdisch. Sie müssten, wollen sie jüdisch sein, zum Judentum konvertieren – das ist die zweite Möglichkeit, Mitglied einer jüdischen Gemeinde zu werden, wobei hier Sitzfleisch und Ausdauer gefragt sind: einem Giur, einem Übertritt zum Judentum, geht eine lange und intensive Zeit des Lernens voraus.

Berufstätigkeit ist die Norm

"Die Frau hat in der Familie also eine sehr wichtige Rolle", betont Prutscher. Darüberhinaus seien aber auch in frommen Kreisen die Zeiten vorbei, in denen sich alle Frauen ausschließlich um den Haushalt und die Kindererziehung kümmern. "Viele Frauen sind nicht nur berufstätig, sondern auch beruflich erfolgreich und kreativ. Es ist spannend hinzuschauen, was Frauen alles tun und leisten können."

Die IKG-Vizepräsidentin ist auch Vorsitzende der Kulturkommission der Wiener jüdischen Gemeinde und in dieser Eigenschaft hat sie nun genauer hingeschaut: das nächste "Festival der jüdischen Kultur" – eigentlich schon für 2020 geplant, aber pandemiebedingt bereits zwei Mal verschoben – widmet sich von 14. November bis 9. Dezember unter dem Titel "Frauenpower im Judentum" starken Frauen.

In den Mittelpunkt gerückt werden dabei einerseits Künstlerinnen, aber nicht nur: da kann man sich im Kino noch einmal Hannah Arendts Herangehensweise bei ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem ansehen. Da präsentiert Larissa Kravitz ihr Buch "Money, honey!", in dem sie Frauen animieren möchte, ihr Geld nachhaltig anzulegen. Da wird es aber auch sehr politisch, wenn die Psychologin Laura Cazés, Leiterin der Abteilung für Kommunikation und Digitalisierung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Dalia Grinfeld, stellvertretende Direktorin für Europäische Angelegenheiten bei der Anti-Defamation League sowie LGBTIQ*-Aktivistin sowie die Schweizer Rabbinerin Bea Wyler, die Rabbiner tituliert werden möchte, über "Gottes weibliche Seite" diskutieren. Mit am Podium ist auch Felicitas Heimann-Jelinek, sie war Mitkuratorin einer Ausstellung zu diesem Thema für die Jüdischen Museen Frankfurt und Hohenems. Zentrale Frage dabei: Wieviel Feminismus passt ins Judentum und wieviel Judentum passt in den Feminismus?

Zwei Frauen mit kraftvoller Bühnenpräsenz zeigen zum Auftakt des Festivals ihre weibliche Stärke: eröffnet wird der Veranstaltungsreigen mit dem Konzert "See you in Hollywood!" im Musikverein. Die Sopranistin Ethel Merhaut – sie war erst kürzlich im Arkadenhof des Wiener Rathauses bei einem Konzert anlässlich "1.700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum", einer Kooperation der jüdischen Gemeinden München und Wien – zu hören, und die Violonistin Orsolya Korcsolán machen sich dabei mit Filmmusik von "Ben Hur" bis "Schindlers Liste" auf die Spurensuche europäischer jüdischer Komponisten und Interpretinnen, die in Hollywood eine neue Heimat fanden. Max Steiner, Greta Keller, Hedy Lamarr, Miklos Rosza, Walter Jurmann, Kurt Weill, Erich Wolfgang Korngold – sie alle prägten die goldene Ära der Filmfabrik.

Eine, die den Nazis nicht entkommen konnte, war dagegen Charlotte Salomon. Die Malerin wurde 26jährig in Auschwitz ermordet. "Sorg gut dafür: Es ist mein ganzes Leben" – mit diesen Worten übergab sie vor ihrer Deportation 1942 einem Freund einen Zyklus von mehreren hundert Gouachen. In Wien liest nun Therese Hämer im Theater Nestroyhof Hamakom ihre Texte über die Malerin, musikalisch begleitet wird sie vom Julie Sassoon Quartett.

Gemalte Jiddischkeit

Dvora Barzilai ist eine zeitgenössische Malerin und lebt modern-orthodox - ihre Kunst ist spirituell und religiös geprägt. Ebenfalls im Nestroyhof zu sehen sein wird ihre Ausstellung "Shirat Dvora" (Das Lied Deboras), die weibliche Figuren der Tora sowie deren Stärken in den Mittelpunkt rückt. Die Tora präsentiere einige Powerfrauen, sagt sie: Sarah, Rebecca, Mirjam, Rachel, Lea, Esther seien einige Beispiele. Mir gefällt Dvoras Spiel mit Formen und Symbolik schon seit langem. In der aktuellen Schau wird ein Bild einer Taube zu sehen sein, das es mir besonders angetan hat. Es ist klar, bunt, eingängig. Oft in Bildern Dvoras mit dabei sind auch ihre grafischen Interpretationen des hebräischen Alphabets. In dieser Arbeit ist das Wort Friede in kräftigem Gelb gehalten.

Jiddischkeit spielt auch in den Bühnen- und Social Media-Auftritten der Schweizer Künstlerin Lea Kalisch, die heute in den USA lebt, eine Rolle. Auf Youtube lud sie etwa kürzlich eine zwar etwas kitschig inszenierte, aber zauberhafte Interpretation von "Moon River" hoch, auf Facebook war sie wiederum als "Rebbetzin Lea" aktiv. In Wien wird sie mit dem Programm "So wie musikalisch aber leakalisch" im Porgy & Bess zu sehen und hören sein, am Klavier begleitet von Bela Koreny. Was bei ihr immer mitschwingt: die Neshume. Diese wird auch spürbar, wenn Dvora Barzilai zum Pinsel oder Ethel Merhaut zum Mikrofon greift.

"Powerfrauen mit Neshume" hätte dieses Festival denn auch heißen können. Solche waren auch zwei weitere Frauen, die im November auf der Kinoleinwand porträtiert werden: Hedy Lamarr, Filmstar und Erfinderin, und Karola Ruth Siegel, die Holocaust-Überlebende, die mit ihrer Aufklärungsshow im Fernsehen US-Popkulturgeschichte schrieb. In Österreich zum ersten Mal zu sehen sein wird zudem die Dokumentation "Truus’ Children". Truus Wijsmuller (1896-1978) rettete in der NS-Zeit tausenden Kindern das Leben, indem sie sich dafür einsetzte, dass diese nach England ausreisen konnten. Eine Heldin also, die nun zumindest posthum mit dieser Filmarbeit von Pamela Sturhoofd und Jessica van Tijn vor den Vorhang geholt wird. Nach der Filmvorführung wird es auch ein Gespräch mit den beiden Regisseurinnen geben.

www.ikg-wien.at/festival