Heute ist der 9. November und da wird das Erinnern jedes Jahr groß geschrieben. 1938 brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Wien die Synagogen, es zersplitterten die von Nazis eingeschlagenen Schaufenster, Juden und Jüdinnen wurden geschlagen und gedemütigt. Manche sahen keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen.

Das Lueger-Denkmal soll nun eine künstlerische Kontextualisierung erfahren - ein wichtiger Beitrag zum Umgang mit der Geschichte Wiens. 
- © Alexia Weiss

Das Lueger-Denkmal soll nun eine künstlerische Kontextualisierung erfahren - ein wichtiger Beitrag zum Umgang mit der Geschichte Wiens.

- © Alexia Weiss

Ich will mich heute auch dem Erinnern widmen, aber anders. Erinnern muss nachhaltig werden. Erinnern darf sich eben nicht im "Niemals wieder" an historisch aufgeladenen Daten und Orten erschöpfen. Erinnern muss in die Zukunft schauen, um heute dafür zu sorgen, dass das Damals nicht auch das Morgen wird, nicht in der gleichen Form und nicht in abgewandelter.

Die Namensmauer

Große Gesten füllen an Tagen wie diesen den Kalender. Heute ist dies von offizieller Seite die Eröffnung der von Kurt Yakov Tutter initiierten Schoa Namensmauern Gedenkstätte im Ostariccipark in Wien. Tutter floh als Kind 1939 mit seiner Familie aus Wien, seine Eltern wurden aber schließlich doch nach Auschwitz deportiert. In die von ihm erdachte Mauer wurden nun die Namen der über 64.000 getöteten österreichischen Juden und Jüdinnen in Stein gemeißelt.

Und ja, die schiere Anzahl der Namen erschlägt, wenn man vor diesem Denkmal steht. Nur die Zahl der Ermordeten zu nennen, macht den Holocaust nicht fassbar, heißt es oft. Hier kann man von Namensreihe zu Namensreihe schlendern, hier werden zwar keine Lebensgeschichten erzählt und doch bekommt dieses Menschheitsverbrechen alleine durch das Festhalten dieser Vielzahl von Namen und des jeweiligen Geburtsjahrs der im Nationalsozialismus Ermordeten emotional eine andere Dimension. Ja, diese Namensmauer berührt, keine Frage.

Dennoch wäre es fein gewesen, im Jahr 2021 auch die vielen anderen Opfer der Nationalsozialisten in so einem monumentalen Denkmal zu würdigen. Ich sehe das als vergebene Chance. Über fünf Millionen Euro kostete die Errichtung der insgesamt 160 Gedenksteine – in absehbarer Zeit wird nicht noch einmal so viel Geld in die Hand genommen werden, um die eine Gedenkstätte für alle in der NS-Zeit Ermordeten zu errichten, zumal es ja in der Stadt bereits einige andere Mahnmale gibt, darunter einige große: das von Rachel Whiteread am Judenplatz etwa, das ausgelöschte Leben als Bücher darstellt, jenes, das an die Deportationen vom früheren Aspangbahnhof erinnert, das Deserteursdenkmal vor dem Bundeskanzleramt, das leider immer wieder als Rednerbühne bei Kundgebungen missbraucht wird.

Genau deshalb wäre das ja nun die Möglichkeit gewesen, diesen einen universalen Erinnerungsort an die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes zu schaffen. Doch heute ist nicht der passende Tag für Kritik, die gab es im Vorfeld und sie wurde leider nicht gehört. Diese Milch ist bereits verschüttet. Heute soll also gewürdigt werden, was zu würdigen ist. Viele Nachkommen werden bei ihren Wien-Besuchen in den kommenden Jahren gerührt sein, wenn sie vor dieser Mauer stehen und da den Namen ihrer Urgroßmutter oder ihres Großvaters oder anderer Vorfahren finden. Schon alleine das rechtfertigt diese Namensmauer. Anderen wird die Dimension dieses Verbrechens vielleicht verständlicher.

Das Lueger-Denkmal

Ich will mich aber heute ganz bewusst einem ganz anderen, schon sehr lange existierenden Denkmal zuwenden: der riesigen Huldigungsstatue für den früheren Bürgermeister Karl Lueger am anderen Ende der Innenstadt. "Schande" ist da nun seit geraumer Zeit mehrmals in bunten Farben draufgesprüht und zeigt damit besser als der vor Jahren recht klein dimensionierte seitlich angebrachte Erklärungstext, dass dieses Monument ein Problem darstellt.

Und wenn ich da nun heute schon von einem Punkt in der Wiener City zum nächsten hüpfe, möchte ich auch Halt am Heldenplatz machen. Ja genau, am Heldenplatz, jenem Ort, wo "dem Führer" einst zugejubelt wurde, so freuten sich viele, Teil des "Deutschen Reiches" zu werden. Genau auf diesem Platz haben nun das Haus der Geschichte Österreich, die Akademie der Wissenschaften und das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien eine Freiluftausstellung gestaltet. Ich halte sie für einen Meilenstein im Umgang Österreichs mit seiner NS-Geschichte. Hier wird nicht nur die These des ersten Opfers völlig widerlegt, hier wird schonungslos aufgezeigt, dass Wien zur Radikalisierung des Umgangs mit Juden und Jüdinnen im gesamten NS-Gebiet beitrug.

Warum? Pogromstimmung gab es in Wien eben nicht nur im November 1938, als die Nationalsozialisten die Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung gezielt planten. In Wien schritt die Bevölkerung in den Tagen rund um den "Anschluss" ganz von sich aus zur Tat. Die Reibepartien sollten in die Geschichtsbücher eingehen. Die Nationalsozialisten sahen in Wien, was möglich war und was auch von jenen Teilen der Bevölkerung, die hier nicht selbst aktiv wurden, toleriert wurde. Später sollte(n) in Wien zunächst der organisierte Vermögensentzug, dann auch die Deportationen ausgetüftelt und erprobt werden, um dann im gesamten Deutschen Reich durchgeführt zu werden.

Man könnte auch sagen: der Antisemitismus musste nicht erst nach Wien gebracht werden. Er wurde hier bereits massiv gelebt. Und das wiederum hat auch mit dem Wirken Luegers zu tun, nicht umsonst großes Vorbild für Adolf Hitler. Das Wien des jungen Hitler war Luegers Wien. Und Luegers Wien machte möglich, was nun in der Schau am Heldenplatz frei zugänglich offen gelegt wurde. Wer sich die Ausstellung am Heldenplatz angesehen hat, weiß, dass man das Denkmal am Lueger-Platz nicht so dastehen lassen kann. Hier wird einem Populisten und Demagogen bis heute nicht nur einfach Raum gegeben, er wird durch die Größe des Monuments zum Übermenschen stilisiert.

Nun passiert etwas

Dem soll nun allerdings Einhalt geboten werden. Nach Jahre langen Debatten zum Thema – der Karl-Lueger-Ring wurde ja bereits vor einiger Zeit in Universitätsring umbenannt – gab Wiens Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler (SPÖ) dieses Wochenende bekannt, dass das Denkmal mit einer künstlerischen Kontextualisierung versehen werden soll. Der Zeitpunkt war nicht zufällig: am Sonntag hatte LICRA Austria (Ligue Internationale Contre le Racisme et l’Antisémitisme) zu "Marmor. Bronze. Verantwortung", einem hochkarätig besetzten "Kolloquium für Veränderung am Lueger-Platz" ins Museum Moderner Kunst (mumok) geladen.

Ein von der Universität für angewandte Kunst durchgeführter Wettbewerb kürte bereits 2010 den Entwurf des Künstlers Klemens Wihlidal zum Sieger, der ein Kippen des Denkmals vorschlug. Diese Idee wird nun zwar nicht umgesetzt, aber die 20 Meter hohe Statue wird auch nicht so bleiben, wie sie ist. Die Grünen forderten dieser Tage einmal mehr das Entfernen der Statue, dafür hatten sich in der Vergangenheit auch schon andere, darunter die Jüdischen Österreichischen Hochschüler*innen (JÖH) ausgesprochen. Dazu hielt Kaup-Hasler nun fest: "Wir dürfen nicht alles, was uns stört, aus der Geschichte der Stadt – die auch eine schuldbeladene, eine leidvolle ist – aus der Öffentlichkeit räumen." Man könne aber eben auch nicht auf dem Ist-Zustand beharren. Nun wird an einer neuen Ausschreibung für diese künstlerische Kontextualisierung gearbeitet, durchgeführt wird sie von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum). Sie soll 2022 erfolgen und das Siegerprojekt dann 2023 gekürt und im Anschluss mit der Umsetzung begonnen werden.

Genau diesen reflektierten Umgang mit Geschichte, vor allem aber mit Kontinuitäten, halte ich an Tagen wie heute für wichtiger als Betroffenheitsstatements. Der Judenhass fiel 1938 nicht einfach über Österreich vom Himmel. Er hat eine lange Vorgeschichte. Die muss man verstehen, um daraus für das Morgen zu lernen. Lueger ist da ein wichtiger Puzzlestein. Nicht nur, aber eben schon auch.

Über das Phänomen Antisemitismus

Wer sich übrigens noch tiefer mit dem Phänomen Antisemitismus befassen will, für den gibt es viel neuen Lesestoff. Heute Vormittag lud der European Jewish Congress (EJC) ins Stadtpalais Liechtenstein, um nicht nur ein Buch, sondern ein ganzes Buchpaket zu präsentieren. 2018 hatte der EJC 150 Wissenschafter und Experten aus der ganzen Welt zu einem Kongress an die Universität Wien geladen. "An End to Antisemitism" war das Thema und vier Tage lang wurde beraten, wie solch ein Ende zu bewerkstelligen sei. Die gewonnenen Erkenntnisse sind nun in fünf Bänden nachzulesen und wenden sich an politische Entscheidungsträger und –trägerinnen ebenso wie an jüdische Gemeinden, Forschende, Interessierte.

Ein Band befasst sich dabei mit der Geschichte des Phänomens, ein anderer mit Antisemitismus in den Weltreligionen, ein dritter mit der Rolle der Medien, des Rechts und der Politik. Aber es werden eben auch Vorschläge gemacht, wie dem Phänomen begegnet werden kann: schnell wird bei der Durchsicht dieses Buches klar: rasche Wege und einfache Antworten gibt es hier nicht. Die Lösung kommt einem riesigen Puzzle gleich. Nur mit einem Maßnahmen- und Initiativenbündel wird man zum Ziel gelangen.

Und das ist aus meiner Sicht auch die Kernbotschaft an Tagen wie dem heutigen: gegen Antisemitismus, aber auch gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung anzukämpfen, das muss man auf vielen verschiedenen Ebenen und jeden Tag im Jahr. Heute, morgen, übermorgen.