Heute Abend brennt bereits die sechste Kerze am Chanukka-Leuchter. Je mehr Flammen vor sich hin flackern, desto heller strahlt das Licht – desto näher kommen wir aber auch zum Ende dieses achttägigen Festes, das mein Liebling im jüdischen Jahreskreislauf ist.

Das Licht auch nach außen tragen: eine der vielen schönen Seiten am achttägigen Chanukkafest. 
- © Alexia Weiss

Das Licht auch nach außen tragen: eine der vielen schönen Seiten am achttägigen Chanukkafest.

- © Alexia Weiss

Warum? Weil Licht in den düsteren Monaten November und Dezember immer eine Wohltat für die Seele ist. Aber auch, weil Chanukka nicht nur an ein Wunder erinnert – nach der Verwüstung des Tempels in Jerusalem reichte eine kleine Menge Öl aus, um die Menora acht Tage lang leuchten zu lassen und damit den Tempel im Jahr 3597 (164 V. Chr.) wiedereinzuweihen, bis neues geweihtes Öl hergestellt werden konnte – sondern von Widerständigkeit erzählt. Die Makkabäer sorgten mit ihrem Aufstand dafür, dass der Tempel wieder eingeweiht und der Tempeldienst wiederaufgenommen werden konnte. Und das Lichterfest ist ein jüdisches Fest, das auch nach außen wirkt: wenn die Chanukkia am Fensterbrett steht, sind die Lichter für Vorbeigehende auf der Straße sichtbar.

Wie man Feste feiert, hat viel mit Tradition zu tun. Und dennoch gibt es nicht die eine Tradition, die von allen ident befolgt wird. Wie Familien Feste feiern, variiert. Bei den einen gibt es an jedem der acht Abende Sufganjot. In anderen an jedem Abend Latkes. Oder es wird beides gereicht oder an jedem Abend ein bisschen etwas anderes. Serviert wird jedenfalls etwas, das in Öl herausgebacken wurde. Aber womit die Chanukka-Krapfen gefüllt sind, ob man zu den Latkes lieber Apfelmus oder Sour Cream reicht, das sind individuelle Vorlieben.

Über Traditionen

Was für mich auch zu Chanukka dazu gehört: für jeden der Abende ein Päckchen für meine Tochter vorzubereiten. Ja, das hat man vor 200 Jahren wohl nicht so gemacht. Da gab es das Chanukka Gelt. Aber auch dieser Brauch geht erst auf das 17. Jahrhundert zurück. Die heute so beliebten Schokolade-Münzen werden seit dem 20. Jahrhundert produziert. Auch Traditionen sind nichts Starres.

Für die November-Ausgabe von WINA – Das jüdisches Stadtmagazin habe ich Barbara Staudinger, die im Sommer 2022 die Leitung des jüdischen Museums Wien übernimmt, interviewt. Dabei formulierte sie zum Thema Tradition ein paar interessante Gedanken: Der Begriff vermittle, dass etwas unverändert weitergetragen werde. Doch dem sei nicht so. "Selbstverständlich hat es sich verändert. Tradition bedeutet in Wirklichkeit permanenten Wandel. In der jüdischen Geschichte gibt es den ganz großen Bruch durch die Schoa. Aber nicht nur die Schoa hat Traditionen verändert, sondern sie verändern sich weiter." Für die Museumsarbeit bedeute das: "Das muss man zeigen, weil man sonst ein musealisiertes Judentum ausstellt, zu dem man auch keinen Bezug aufbauen kann."

Stichwort Schoa: worauf die Wiener jüdische Gemeinde heute stolz ist, dass es - trotz des NS-Terrors und dem Versuch, das Judentum in Wien auszulöschen – weiter jüdisches Leben in Wien gibt. Damit etwas lebendig ist, muss es aber auch authentisch gelebt werden. Authentisch bedeutet in diesem Kontext für mich allerdings nicht, Dinge exakt so zu tun, wie sie schon seit Generationen gemacht wurden, sondern Feste mit Freude und einem positiven Spirit zu feiern. Worum geht es zu Chanukka? Sich an den Sieg der Makkabäer zu erinnern und sich für das Recht auf freie Religionsausübung einzusetzen. Das ermuntert, sich nicht unterjochen zu lassen, das ermuntert, die eigene Identität nicht kampflos aufzugeben.

Natürlich darf da nicht der Konsum im Vordergrund stehen. Aber das achttägige Zünden der Lichter und Sprechen der Segenssprüche und Reichen der deftigen Chanukka-Speisen mit kleinen Aufmerksamkeiten zu verknüpfen, mit denen man seinen Liebsten eine Freude macht, wertet das Fest an sich ja nicht ab, trägt aber dazu bei, es mit positiven Emotionen zu verknüpfen. Für mich persönlich geht es da nicht um den materiellen Wert der Geschenke. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, kleine Dinge zu finden, die den anderen überraschen und ihm oder ihr wirklich Freude bereiten. Gestern Abend schälte meine Tochter zum Beispiel ein T-Shirt mit einem Herz darauf aus dem Geschenkpapier. Und nein, nicht woran Sie nun wahrscheinlich denken, kein kitschiges rotes Herzerl, sondern die anatomisch korrekte Abbildung eines Herzens. Dass sie das T-Shirt heute bereits angezogen hat, zeigt mir, dass es gelungen ist, ihr damit eine Freude zu bereiten. Man könnte auch sagen: da wurde im übertragenen Sinn ein Licht entzündet, ein kleines Licht der Freude.

Erinnert diese Form des Schenkens ein bisschen an Weihnachten? Ja, vielleicht. Aber Kultur ist niemals etwas Losgelöstes. In manchen Familien gibt es inzwischen Geschenke am ersten Tag von Chanukka. Andere erfreuen – so wie wir – die Kinder an jedem Abend mit einem kleinen Päckchen. Im jüdischen Supermarkt gibt es inzwischen auch mit Chanukka-Motiven bedrucktes Geschenkpapier sowie Dekoartikel von bedruckten Papierservietten bis zu Minichanukkiotglitzerkonfetti. Gäbe es dafür keinen Bedarf, würden diese Dinge weder produziert noch verkauft.

Live as you like

Und so bin ich schon gespannt, ob die für heute Abend vorbereitete Überraschung ebenso viel Freude bereiten wird wie das Herzshirt gestern. Vor allem aber freue ich mich auf das Flackern der Flammen meiner so wohlduftenden bunten Bienenwachskerzen, die es wohl vor 100 Jahren genauso wenig gab, wie Chanukkiot mit Teelichtern, wie wir heuer ebenfalls eine aufgestellt haben. Wer versucht Traditionen nur um der Tradition willen unverändert aufrecht zu erhalten, ist, so meine persönliche Meinung, so um das Aufrechterhalten einer Fassade bemüht, dass die Freude am Tun sich nicht gänzlich frei entfalten kann.

Freude scheint mir allerdings die essenzielle Zutat zu sein, um etwas lebendig zu halten. Enjoy life and live as you like: in diesem Sinn – viel Spaß beim heutigen Kerzenzünden. Und wie schön, dass es in Wien heute möglich ist, sich zum Judentum zu bekennen und dieses offen und selbstbewusst zu leben. Dafür gilt es dankbar zu sein, dafür gilt es aber auch immer zu kämpfen. Dafür haben sich die Makkabäer einst eingesetzt und das stand in der Geschichte oftmals auf dem Spiel.