Seit zehn Jahren gehe ich regelmäßig in der Opernpassage an diesem Münz- und Briefmarkenhändler vorbei, dessen Auslagen vor Feilgebotenem überquellen, sodass man sich wirklich davorstellen und seinen Blick von einem Objekt zum nächsten schweifen lassen muss, um zu erkennen, was da so angeboten wird – ein bisschen wie ein Wimmelbild für Erwachsene. Und da staunt man dann auch nicht schlecht, wenn sich zwischen Büchern und Orden hie und da auch einmal Propagandamaterial aus der NS-Zeit findet. Immer wieder wurde in der Vergangenheit über diesen Händler medial berichtet, immer wieder erzählen Menschen, dass sie das Ausstellen von NS-Devotionalien im Schaufenster dem Verfassungsschutz gemeldet haben. Passiert ist bisher allerdings nicht. Weil offenbar auch nichts passieren muss.

"Solange Käufer und Sammler sich nicht gegenteilig äußern, versichern sie, dass sie mit den Ansichtskarten (Propaganda AK) und Briefen aus der Zeit des III. Reiches nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken erwerben", heißt es in dem Geschäft auf einem auch schon in die Jahre gekommenen Zettel, der an das Auslagenfenster geklebt wurde. Nun wirft allerdings eine Formulierung darin erneut Fragen auf: warum steht da nicht "aus der Zeit des Nationalsozialismus", "aus der NS-Zeit" oder "aus der Zeit des NS-Terrors"? Bedeutet es, den Begriff "III. Reich" zu verwenden, sich nicht auch mit dieser Ideologie zu identifizieren? Offensichtlich nicht. Sonst würde diese Nachricht an potenzielle Kunden wohl nicht schon seit Jahren von der Polizei unbehelligt im Schaufenster kleben.

Über einen problematischen Begriff

Was dieses Beispiel aber auch zeigt: wie unsicher viele, inklusive mir, im Umgang mit all dem sind, was von der NS-Zeit überblieb: seien das nun konkrete Objekte, seien das Formulierungen. Ich weiß zum Beispiel, dass der Begriff "Kulturschaffende" ein belasteter ist. Aber wie kann man diese Gruppe von Menschen, die nun nicht unbedingt selbst künstlerisch tätig sind, aber Kultur ermöglichen, Kultur veranstalten, besser nennen? Mir ist da noch nichts wirklich Passendes eingefallen.

Die KUPFzeitung rief hier übrigens dieses Frühjahr zu einem Wettbewerb auf: gesucht wurden alternative Begriffe. Das Rennen machte die Wortkreation "Kulturtätige", am zweiten Platz landete "Kultur-Engagierte", am dritten "Kulturaktive". Kulturtätige also. Ich muss mir fest vornehmen, den Begriff ab nun öfter mal auch aktiv zu benutzen. Ich denke mir dann aber auch immer wieder: Wahnsinn. Es waren acht Jahre. Aber diese acht Jahre haben Spuren hinterlassen und für Brüche gesorgt wie keine anderen acht Jahre.

Alltagsüberbleibsel aus der NS-Zeit tauchen übrigens bis heute bei Wohnungsräumungen auf. Genau diesen Überbleibseln widmet sich die aktuelle Schau im Haus der Geschichte Österreich (hdgö) "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum". Die Ausstellung zeigt nicht nur anschaulich auf, welche Dinge unters Verbotsgesetz fallen und welche nicht, sondern auch welche man verkaufen kann und welche man am besten den Sicherheitsbehörden übergeben sollte (Waffen zum Beispiel). Die Schau erzählt auch an Hand von solchen Objekten – vom Fotoalbum aus der NS-Zeit bis zu einem aus einer Feldpostkiste gezimmerten Puppenwagen – wie die Familien, in deren Eigentum sie sich befanden, in den Jahrzehnten nach 1945 damit umgegangen sind.

Und genau das, finde ich, kristallisiert sich in jedem neuen Jahr dieses noch jungen Museums als dessen Stärke heraus: erzählt wird nicht nur über Vergangenes, das Vergangene und sein Wirken und Nachwirken wird in die Gegenwart geholt. Die Ausstellung "Hitler entsorgen" kann einerseits in Familien noch einmal einen Anlauf, sich der Familiengeschichte zu stellen, anstoßen.

Ich merke aber, dass die Ausstellung auch in die andere Richtung wirkt. In meinem Empfinden ist es ein absolutes No-go Gegenstände, die klar der NS-Zeit und ihrer Ideologie zuzuordnen sind, zu besitzen oder aufzubewahren. Und ja, ich gebe zu, sähe ich solche Gegenstände in einem Haushalt, in dem ich zu Besuch bin, würde ich mir schon denken: oje, das ist problematisch. Und nein, wohlfühlen würde ich mich nicht.

Aber ja, vielleicht ist auch da ein Umdenken nötig. Wenn es nur ein Foto des Urgroßvaters in Wehrmachtsuniform gibt, ist es vielleicht besser, dieses eine als Erinnerungsstück zu behalten. Vielleicht muss man es dennoch nicht im Wohnzimmer gerahmt aufstellen und vielleicht sollte man es auch nicht stolz auf Social Media verbreiten. Und es sollte die Erinnerung an den Verstorbenen wachhalten, gleichzeitig sollte das, was die Uniform repräsentiert, weder gutgeheißen noch idealisiert werden. Eine Gratwanderung, das.

Genau vor diesen Gratwanderungen scheut sich das Haus der Geschichte nicht. Und das ist gut so. Verlängert wurde nun die Laufzeit der Freiluftausstellung "Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah" – sie ist nun bis 18. Februar neben dem Burgtor zu sehen. Schonungslos wird darin dargestellt, dass Österreich nicht nur nicht das erste Opfer Hitlers war, sondern Österreicher und Österreicherinnen nicht nur Mitläufer und Mitläuferinnen, sondern auch in großem Ausmaß Täter und Täterinnen waren. In Wien wurden einige der Konzepte erprobt, mit denen schließlich im gesamten NS-Gebiet Juden enteignet, entrechtet und schließlich deportiert und ermordet wurden. All das erzählt die Schau am historisch gerade in diesem Kontext so belasteten Heldenplatz schonungslos. Gut ist es, dass sie es tut. Auch wenn es weh tut, sich dem zu stellen: als Gesellschaft, als Individuum.

IKG-Aufruf für Lichterkette

Und da würde ich mir eines wünschen: dass zumindest einige der nun so eifrig gerade auch am Heldenplatz gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Coronapandemie sowie gegen die angekündigte Impfpflicht gegen Covid-19 Demonstrierenden, sollten sie an der Ausstellung vorbeigehen, da einmal stehen bleiben und sich die kurzen Texte durchlesen. Vielleicht verstehen sie dann, warum "Ungeimpft"-Sterne genauso deplatziert sind wie Vergleiche der aktuellen Pandemiesituation mit der NS-Zeit oder generell Diktaturen. Und dass es, sollten sie selbst weder das eine tragen noch das andere anstellen, es auch nicht passend ist, gemeinsam mit Menschen auf die Straße zu gehen, die problematische Ideologien vertreten.

Kommenden Sonntag gibt es aber umgekehrt auch für all jene, denen die teils gewalttätigen Dauerproteste gegen Impfung, Lockdowns, Masken und Tests zunehmend sauer aufstoßen, die Möglichkeit, einerseits der Verstorbenen dieser Pandemie zu gedenken und sich andererseits mit Menschen in Gesundheitsberufen solidarisch zu zeigen. Unter dem Hashtag #YesWeCare ruft auch die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien zur Teilnahme an der Lichterkette rund um den Ring auf (Lichter sollen um 19 Uhr entzündet werden). In diesem Sinn: bis Sonntag!