Binge-Watching: auch das gehört zu den Winterferien. Ich mag seit jeher Krankenhausserien, vielleicht weil sich da die Kurzzeitdramen der Patienten und Patientinnen mit den Langzeitdramen der Ärzte und Ärztinnen und Pflegekräfte abwechseln und vermischen, aber auch, weil immer viel über gesellschaftliche Befindlichkeiten greifbar wird. In US-Serien zum Beispiel merkt man, wie sehr sich der Irak- und Afghanistankrieg hier eingeschrieben haben. Kaum eine der aktuellen Erzählungen kommt ohne Betroffene von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) aus – auf Seiten der Patienten ebenso wie auf Seiten der Belegschaft. Aber auch die Polizeigewalt gegenüber people of colour ist immer wieder Thema.

Was mich zuletzt allerdings irritiert, ist, dass bei der Zeichnung jüdischer Charaktere das soziale Konfliktpotenzial aus Sicht der Drehbuchschreibenden offenbar noch ausgeweitet werden muss. Da gibt es nicht einfach Figuren, die eben auch jüdisch sind, nein, da muss ganz dick aufgetragen werden.

Beispiel Nummer eins: Levi Schmitt (gespielt von Jake Borelli) ist Arzt in "Grey’s Anatomy". Neben seiner anfänglichen Ungeschicklichkeit ist auch sein Coming Out phasenweise großes Thema in der Serie. Jüdisch und homosexuell also: und was sagt die Familie dazu? In Schmitts Fall gibt es da eine grundsätzlich tolerante Mutter.

Dieses Glück hat Asher Wolke (dargestellt von Noah Galvin) in "The Good Doctor" nicht. Auch er ist homosexuell, kommt aber auch noch aus einer chassidischen Familie, die seine Art der Lebensführung – atheistisch, nicht mit einer Frau verheiratet, keine Kinder – nicht goutiert. Das Drama begegnet einem hier nur in Bemerkungen der Figur gegenüber anderen Ärzten und Ärztinnen in diesem fiktiven Krankenhaus. Was dabei immer mitschwingt: Bitterkeit.

Die Ärztin Sydney Katz in "Saving Hope" (gespielt von Stacey Farber), die als orthodox lebende Gynäkologin in die Serie eingeführt wird, versucht sogar den Wünschen des Elternhauses zu entsprechen und verlobt sich entsprechend den Traditionen ihrer Herkunftsfamilie mit einem ebenfalls orthodoxen Juden. Doch parallel wird auch immer mehr ihre Vorliebe für Frauen spürbar. Sie löst die Verlobung schließlich und steht zu ihrer sexuellen Orientierung. Der Konflikt, den sie damit in der Familie auslöst, wird auch im Krankenhaus ausgetragen: als die Schwester schwer erkrankt, kommen die Eltern ins Spital - der Bruch, das Verstoßen wird hier auch offen inszeniert.

Und nachdem mir eine solche Geschichte nun also in kurzer Zeit drei Mal unterkam, frage ich mich, was da in den Köpfen der Drehbuchschreiber vorgeht. Drei jüdische Figuren, die auch noch homosexuell sein müssen. Ist das, vor allem wenn es um Charaktere geht, die in einem orthodoxen Milieu aufgewachsen sind, die einzige oder die einfachste Möglichkeit zu zeigen, wie konservativ chassidische Juden sind? Beziehungsweise: warum scheint es immer nötig zu sein, bei jüdischen Figuren eine Emanzipationsgeschichte vom Elternhaus zu erzählen?

Und ich weiß schon: Konflikte mit dem Elternhaus sind ein gängiges Element in solchen Serien. Aber warum diese bei jüdischen Figuren so häufig über das Thema Homosexualität ausgetragen werden müssen, erschließt sich mir nicht. Liebe Drehbuchschreibende, lasst euch doch einmal etwas Neues einfallen!