Kommenden Montag begehen Österreichs Kirchen den "Tag des Judentums". Seit 2000 gibt es diesen Tag, eingeführt wurde er vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich. Christen sollen sich dabei "in besonderer Weise ihrer Wurzeln im Judentum und ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden", schreibt Michael Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, auf katholisch.at. Zugleich solle aber auch das Unrecht an jüdischen Menschen und ihrem Glauben in der Geschichte thematisiert werden. Geplant sind für kommende Woche Veranstaltungen in mehreren Städten Österreichs. Der zentrale Gottesdienst findet am 17. Jänner in der griechisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale in Wien statt.

Auch ein simpler Alltagsgegenstand kann eine positiv besetzte Verbindung herstellen. 
- © Alexia Weiss

Auch ein simpler Alltagsgegenstand kann eine positiv besetzte Verbindung herstellen.

- © Alexia Weiss

Solche Initiativen finde ich begrüßenswert, weil sie eine Annäherung ermöglichen. Das Gemeinsame dabei herauszustreichen, erscheint mir sinnvoll. Das Trennende dabei nicht zu vergessen, ebenso. Es war auch der Antisemitismus der Kirchen, der den Weg zu dem bereitete, was dann im Nationalsozialismus möglich war. Bei beiden Judenvertreibungen vor der großem Zäsur der Schoa in Wien – jener im Mittelalter und jener im 17. Jahrhundert – gibt es beispielsweise Anknüpfungspunkte zur Kirche. Aus Steinen der 1421 zerstörten Synagoge am Judenplatz wurde in der Bäckerstraße die damals Neue Theologische Fakultät der Universität Wien erbaut. Und die Leopoldskirche in der Leopoldstadt wurde dort errichtet, wo zuvor die Synagoge der 1670 vertriebenen jüdischen Gemeinde im "Unteren Werd" stand.

Das klingt sperrig und schwer? Ja, das ist es. Sich in theologische Themen zu vertiefen, braucht Vorwissen, braucht den Willen zur Reflexion. Einerseits. Andererseits lehrt uns die Geschichte hier sehr viele sehr grausame Geschichten. Die kommen eben nicht leichtfüßig daher. Sie zu kennen ist wichtig. Ob sie allerdings der Schlüssel zu einem positiv konnotierten Verhältnis sind, das weiß ich nicht. Am Ende schwingt doch immer eine Prise des schlechten Gewissens mit. Nein, die heute Lebenden tragen keine Verantwortung für die Taten ihrer Vorfahren. Aber natürlich ist dann auch keine absolute Unbeschwertheit zu erwarten.

Dem Thema die Schwere nehmen

Zumindest eine Prise Unbeschwertheit wäre aber fein. Und so denke ich seit ein paar Tagen darüber nach, wie man diese greifbar machen könnte. Was geht Menschen nahe? Geschichten über andere Menschen. Und noch näher gehen diese Geschichten, wenn es persönliche Beziehungen gibt.

Wenn also heute eine Nachbarin bei mir zu einem Tratscherl vorbeischaut, kann es sein, dass sie den Tee, den ich ihr anbiete, in einem Häferl serviert bekommt, das – ganz in der Tradition des jüdischen Humors, der oft darauf basiert, sich über sich selbst lustig zu machen – die jüdische Mame aufs Korn nimmt. Vielleicht trinkt sie dann einfach daraus, ohne den Spruch zum Thema zu machen, vielleicht spricht sie es auch an. Sicher wird sie sich aber daran erinnern, wenn ihr zum Beispiel irgendwo im Netz ein ähnlicher Spruch begegnet. Das schafft Verbindung, ohne dass über die Religion oder Identität des anderen explizit gesprochen werden muss.

Was heute merkwürdigerweise oft ausgeblendet wird ist, dass, wenn in Wien vor dem Ersten Weltkrieg rund 180.000 Jüdinnen und Juden lebten, sich hier sehr viele Nachbarschaften ergeben haben müssen. Schön wäre es, hier Geschichten der Koexistenz, Geschichten von Freundschaften von Christen und Juden, von gemeinsamen geschäftlichen Unternehmungen und Wagnissen zu hören. Und ja, ich weiß, da gibt es die Geschichten von den Nachbarn, die an einem Tag noch freundlich waren und sich gleich nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten als Denunzianten und Ariseure betätigten. Aber es gibt auch die vielen anderen Geschichten, von Kinderfreundschaften und bemühten Lehrern, von netten Kollegen in der Arbeit oder an der Uni. In Erinnerungen von Überlebenden klingen immer wieder solche Begebenheiten durch. Schön wäre es auch, sie im Rahmen des Geschichtenschatzes von christlichen Familien zu hören, die hier in den 1940er Jahren zwar das Grauen des Zweiten Weltkriegs, nicht aber persönliche Verfolgung erlebten.

Normalität drückt sich auch in unbeschwerten Beziehungen aus. Wenn "es menschelt", wie der Wiener gerne sagt, dann gibt es eine gemeinsame Basis, ein Fundament. Es mag sein, dass die Gräuel des Holocaust eine Decke des schlechten Gewissens und in der Folge betretenen Schweigens über manche im Grunde positive Erinnerung gelegt haben. Aber genau diese Decke gilt es zu lüften. Und wenn es da vielleicht doch gelingt, dass die eine oder andere Familie Erinnerungen und Anekdoten aus einer Zeit mit anderen teilt, als es eben in Wien spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich war, in Wien, aber auch in vielen anderen Orten Österreichs Tür an Tür mit Juden zu wohnen, dann wäre das auch einmal eine schöne Idee für einen "Tag des Judentums". Teilhabe an den positiven "Alltagsgeschichten von damals", das wäre doch was.