Baden lockt aktuell mit einer Schau zur Lebensfreude von damals: Die Jellineks, Hellers, Gutmanns, Rothbergers, Bienenfelds, sie bauten sich Villen in der Kurstadt, um dort vor allem den Sommer zu verbringen. Architektonisch spannte sich der Bogen je nach Baudatum von Historismus über den Jugendstil bis zum Beginn der Moderne. Das Interieur spiegelte jede Menge Lebensfreude wider: So saß man im Rothberger’schen Salon auf geblümten Fauteuils, Stoffmuster aus der Villa Gallia wiederum lassen eine poppige Buntheit erahnen.

Exponat in der Ausstellung "Sehnsucht nach Baden. Jüdische Häuser erzählen Geschichte(n)": Textile Proben lassen den Fabreichtum in der Villa Gallia erahnen. 
- © Alexia Weiss

Exponat in der Ausstellung "Sehnsucht nach Baden. Jüdische Häuser erzählen Geschichte(n)": Textile Proben lassen den Fabreichtum in der Villa Gallia erahnen.

- © Alexia Weiss

Marie-Theres Arnbom kuratierte die Ausstellung und trug dabei allerlei Pretiosen zusammen, darunter etwa eine kolorierte Schablone für die Wanddekoration des Speisezimmers der Villa Bienenfeld, auf der sich blaue und schwarze Rosen jugendstilig zurechtgetrimmt emporranken oder eine alte "Heller’s Wiener Zuckerl"-Dose. Denn ja, die Hellers in Baden waren die Hellers mit den Zuckerln. Schön auch ein Zuckerl-Katalog, der nicht mit Fotos, sondern Zeichnungen des Süßwerks arbeitete. Schlicht zum Hineinbeißen schön.

Zehn Villen präsentiert Arnbom in der Schau, verknüpft sie mit den Familiengeschichten, erzählt die eine oder andere Anekdote und entführt den Besucher damit in eine Zeit, die sich im Rückblick so golden anfühlt. Einerseits. Andererseits hingen die Gewitterwolken schon tief. Der Antisemitismus machte auch vor den Kurorten nicht Halt (die Kuratorin wählte hier zur Illustration judenfeindliche eine Karikatur aus dem Jahr 1904, erschienen in der Zeitschrift Kikeriki). 1938 brachte dann auch in Baden den großen, bitteren Cut. Davon zeugt eine in der Ausstellung präsentierte Liste, angefertigt von den Nationalsozialisten, betitelt "Judenhäuser".

Einmal die schwarze Brille beiseite legen

Man kann die Ausstellung also durch verschiedene Brillen anschauen: Durch die dunkle, die den Verlust dokumentiert, oder durch die rosa, welche die Lebenslust in den Vordergrund stellt. Ich habe mich bei unserem Baden-Besuch für letztere entschieden. Baden ist für mich mit dem Sommer verbunden. Hierher kam meine Großmutter in meiner Kindheit während ihres jährlichen Österreichbesuches jeweils für drei Wochen. Damals mutete dieser Geruch des Schwefels merkwürdig an, heute erkenne ich, dass wohl sie ihrerseits durch einen Schwung Nostalgie und gute Erinnerungen angetrieben wurde, Jahr für Jahr nach Baden zu reisen.

Das Leben in den Mittelpunkt zu stellen ist auch das Rezept des Präsidenten der IKG Wien, Oskar Deutsch, dem Antisemitismus zu begegnen. Hinausgehen und die Türen öffnen statt sich biedermeierlich zurückzuziehen also. Covid-bedingt war in den vergangenen Jahren vieles an gemeinschaftlichen Aktivitäten nicht möglich. Nun zirkuliert das Virus zwar nach wie vor, doch die stark zurückgefahrenen Präventionsmaßnahmen erlauben wieder Kulturveranstaltungen wie in Prä-Corona-Zeiten. Und davon bietet die Wiener jüdische Gemeinde in den nächsten Tagen eine Menge.

Barzilai-Ausstellung im Nestroyhof

Bereits morgen, Donnerstag, eröffnet die Künstlerin Dvora Barzilai, im Nestroyhof ihre Ausstellung "Shirat Dvora" (sie fiel dem letzten Lockdown zum Opfer und ist nun bis 14. Juni zu sehen). Die Israelin, die seit vielen Jahren in Wien lebt und mit dem Kantor des Stadttempels, Shmuel Barzilai, verheiratet ist, lebt modern-orthodox und verbindet in ihren Arbeiten Religiöses und Weltliches. In der aktuellen Schau rückt sie Frauen in den Mittelpunkt, dabei speziell die Frauen der Thora. Diese erzählt von einigen Powerfrauen – von Mirjam bis Rachel, von Lea und Judith bis zu Esther.

Am 14. Juni wiederum tritt Lea Kalisch im Porgy & Bess auf, "So wie musikalisch, aber leakalisch!" nennt sie ihr Programm, in dem sie sich viel mit ihrer jüdischen Herkunft und Jiddischkeit auseinandersetzt. Stilistisch macht sie den Spagat von Hip-Hop bis Chassidismus, sprachlich mixt sie Englisch, Jiddisch, Deutsch, Hebräisch, Spanisch und Französisch. In welcher Sprache auch immer, eines gelingt ihr jedenfalls: Die Neschume, die Seele, anzusprechen.

Straßenfest am Judenplatz

Jede Menge für die Seele wird aber vor allem dieser Sonntag bieten: Dann nämlich lädt die IKG Wien ab14.30 Uhr zum Straßenfest auf dem Judenplatz. Kurz wird dort auch Lea Kalisch zu hören sein, die Bühne wird aber hauptsächlich Roman Grinberg mit dem Wiener Jüdischen Chor und seinem Swingtett gehören. Ab 19 Uhr sorgen dann DJs für beschwingte jüdisch-internationale Klänge.

Die Wettervorhersage prophezeit für sonntags regenfreie Sommertemperaturen. Da lässt es sich dann auch bei den vielen Ständen, an denen sich jüdische Einrichtungen, Organisationen, Vereine, Initiativen präsentieren, wunderbar plaudern, einen Kaffee trinken oder ein koscheres Häppchen genießen. Das Straßenfest ist immer ein buntes Get-togehter der jüdischen Gemeinde, bei dem alle, die sich für das Judentum oder eben jüdisches Leben interessieren, herzlich willkommen sind. Um dabei allerdings eine lockere Atmosphäre dann auch richtig genießen zu können, gibt es beim Zutritt zum Judenplatz Sicherheitskontrollen – daher lieber einen Ausweis mitnehmen.

In diesem Sinn: Auf das Leben!