Wo endet Kunst- und Meinungsfreiheit und wo überspannt die so genannte cancel culture den Bogen? Diese Frage wird derzeit in einigen Themenfeldern ausverhandelt – dort etwa, wo es um Sexismus geht, dort, wo es um Rassismus geht, aber eben auch dort, wo es um Antisemitismus geht.

Es gibt Staaten mit Rechtssystemen, die hier eine weitere Auslegung vorsehen. In den USA ist es beispielsweise nicht verboten, mit einer Hakenkreuzfahne auf die Straße zu gehen. Das fällt dort unter freedom of speech. In Österreich würde in einem solchen Fall das Verbotsgesetz greifen.

Bei der derzeit in Kassel laufenden documenta fifteen ist ein großes Wimmelbild des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit dem Titel "People’s Justice" zu sehen. Oder war. Denn zunächst wurde es verhüllt, Dienstag Nachmittag dann abgebaut und aus der Ausstellung entfernt. Warum?

Das Kunstwerk zeigt zwei antisemitische Figuren. Und ja, gerade wenn es um Kunst geht, gibt es immer auch viel Interpretationsspielraum, aber in diesem Fall ist die Sache ziemlich klar. Die eine Figur mit Hut und Pejes wurde zusätzlich mit blutigen Augen und spitzen Vampirzähnen ausgestattet. Die andere Figur stellt einen Soldaten dar, dem ein Schweinegesicht verpasst wurde. Er trägt ein Halstuch mit einem Magen David und einen Helm mit der Aufschrift Mossad.

Daraus ergeben sich nun verschiedene Reflexionsebenen. Die eine zeigt, dass Antisemitismus ein weltumspannendes Phänomen ist. Und man stellt sich die Frage, aus welcher (vermeintlichen) Betroffenheit heraus, indonesische Künstler und Künstlerinnen sich hier alter antisemitischer Stereotype, aber auch Herabwürdigungen bedienen?

Befremdliche Stellungnahme

Eine weitere Ebene ist eine mehr als dürftige Stellungnahme nach öffentlicher Kritik daran, dass die documenta diese Arbeit zeigt. So schreibt das Künstlerkollektiv, dass das Gemälde "in keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung stehe". Die gewählte Strategie also: Leugnung. Weiters hält Taring Padi fest, dass man sich "für die Unterstützung und den Respekt von Vielfalt einsetzt". Respekt? Wenn ich mir die beiden Figuren ansehe, fällt mir dieser Begriff so gar nicht ein. Durch die nunmehrige Verhüllung werde das Bild jetzt "zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment", so das Kollektiv weiter. Hier sind wir bei einem Kernproblem im Umgang mit Antisemiten angelangt. Welche Basis für Gespräch und Dialog ist noch gegeben, wenn mich das Gegenüber als Schwein oder Vampir darstellt? Und schließlich enthält die Stellungnahme auch noch eine Entschuldigung, und zwar für "entstandene Verletzungen". Über die Glaubwürdigkeit möge angesichts des zuvor Formulierten jeder und jede selbst entscheiden.

Mich hätte in so einer Stellungnahme ja mehr interessiert: Was wollte uns nun Taring Padi konkret mit diesen beiden Figuren vermitteln? Wie erklären die Künstler und Künstlerinnen ihre Motivation für diese Darstellungen? Soll vielleicht unter dem Titel "Volksjustiz" gar die vorschnelle Verurteilung, die Vorverurteilung von Juden und Jüdinnen durch andere angeprangert werden? Mit viel Wohlwollen hätte es ja vielleicht einen kleinen Interpretationsspielraum in diese Richtung gegeben. Betonung auf vielleicht und minimal. Die Stellungnahme hat klar gemacht, dass Wohlwollen wohl nicht angebracht ist.

Eine weitere Ebene und die scheint mir die in diesem Kontext essenziellste: Warum fielen niemandem der documenta-Verantwortlichen diese befremdlichen Details dieses monumentalen Kunstwerks auf? Es wird nun nicht in Indonesien gezeigt, sondern es ist in Deutschland zu sehen. Und da stellt sich die Frage: Wie rutscht so ein Kunstwerk durch? Oder schlimmer: Warum wird es vielleicht sogar bewusst gezeigt, weil darauf zu sehen ist, was darauf eben zu sehen ist?

Rote Linie

Ja, Kunst darf Grenzen ausreizen, ist dazu da, Debatten an- und zu entfachen. Kunst soll gesellschaftliche Positionen in Frage stellen und muss Kritik üben. Es gibt aber Themen, die ausverhandelt sind. Und zu diesen Themen gehört in Deutschland ebenso wie in Österreich angesichts der nationalsozialistischen Geschichte der Umgang mit und die Darstellung von Juden.

Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, sagte in einem dpa-Interview, "diese Bilder lassen überhaupt keinen Interpretationsspielraum zu. Das ist klare antisemitische Hetze". Seiner, aber auch der Forderung des Zentralrats der Juden in Deutschland wurde mit der Entfernung des Kunstwerks nun nachgekommen. Mendel mahnte aber auch eine Debatte darüber ein, was schiefgelaufen ist und wo die blinden Flecken dieser documenta seien.

Und genau darum geht es. Das Problem ist mit dem Ausschluss des Bildes aus der Schau weder gelöst noch beseitigt. Die Stellungnahme des Kollektivs wirft zudem mehr Fragen auf als sie beantwortet. Dieser Vorfall muss ausdiskutiert werden. Und nein, mit cancel culture hat das nichts zu tun.