Wie nimmt man richtig Abschied? Sanft und leise oder laut und mit Trara? Seit Ende 2011 haben Sie mich nun durch meinen Blog "Jüdisch leben" hier auf der Seite der Wiener Zeitung kennengelernt und daher wissen Sie wahrscheinlich: Weder noch. Aber doch mit Emotion, einer Prise Sentimentalität und ja, auch Wehmut.

Seit Ende 2011 versuche ich also mit meinen zunächst wöchentlichen, seit Ende 2020 dann zweimonatlichen Einträgen die Tür zur jüdischen Bevölkerung Österreichs, zum Judentum an sich, zu Themen, die in der jüdischen Welt hier zu Lande und international bewegen, zu öffnen. Oft ging es dabei um Antisemitismus, nicht, weil ich dieses Thema besonders mag, sondern weil es leider zur Lebensrealität von Juden und Jüdinnen in Europa gehört und daher relevant ist. Dann ging es wieder um Feste, Traditionen, um jüdische Kultur, und ja, immer auch um Befindlichkeiten.

Wer nachvollziehen kann, wie sich andere fühlen, kann vielleicht auch besser nachempfinden, warum manche Dinge nicht nur Spitzfindigkeiten sind, sondern essenziell, wenn einem ein gutes Auskommen und gegenseitiger Respekt wichtig sind. Ein Beispiel? Die Verwendung des Wortes Mitbürger beziehungsweise Mitbürgerin. Der Begriff "jüdische Mitbürger", immer noch Bestandteil von Politiker- und Politikerinnenreden an Gedenktagen und bei Holocaust-Denkmal-Einweihungen, schließt aus statt ein. Warum also nicht einfach Juden und Jüdinnen sagen. Und ja, dieses Wort – Jude – ist völlig korrekt und darf gerne in den Mund genommen werden. Wer hier an ein Schimpfwort denkt, sollte seine eigene diesbezügliche Unsicherheit hinterfragen und zu ergründen versuchen, woher diese kommt.

Nun ist aber also Abschiednehmen angesagt. Warum? Weil nicht alles einfach endlos weiterlaufen kann. Weil es mir über all die Jahre viel Freude gemacht hat, diesen Blog zu schreiben, sich aber zuletzt nach und nach das Gefühl eingestellt hat, nun ist es genug. Es ist sicher nicht alles, aber viel gesagt. Es ist Zeit, auch thematisch weiterzugehen.

Jeder Mensch hat nicht nur eine Facette, nicht nur eine Identität, nicht nur ein Interessensgebiet. Aktuell liegt mein thematischer Fokus sehr auf dem Bereich Bildung und Ausbildung und der Frage, wie das österreichische Schulsystem fairer und chancengerechter gestaltet werden könnte. Dazu wird Ende August auch mein nächstes Buch erscheinen. "Zerschlagt das Schulsystem" heißt es, ist eine Streitschrift und wird vom Verlag Kremayr & Scheriau herausgebracht.

Wofür ich mich an dieser Stelle bei der Wiener Zeitung bedanken möchte? Einerseits natürlich, dass mich 2011 der damalige Chefredakteur Reinhard Göweil eingeladen hat, diesen Blog zu schreiben. Andererseits für den Umgang der Zeitung mit Postings auf der Online-Ausgabe des Mediums. Durch die policy, Leser- und Leserinnenreaktionen nicht schrankenlos online gehen zu lassen, ergab sich nie die Situation, dass sich in den Forenbeiträgen massiv Antisemitismus breit machte.

Ja, vielleicht geht es in anderen Zeitungsforen lebendiger zu. Da ist nur immer die Frage, um welchen Preis. So ist es all die Jahre gut gelungen, persönliche Diffamierungen hintanzuhalten. Nur in wenigen Fällen landete als Reaktion auf einen meiner Blog-Beiträge Untergriffiges in meiner Mailbox.

Social Media sind da allerdings eine andere Kategorie. Ich erinnere mich noch an einen Eintrag vor einigen Jahren zum Thema Schächten, der mir auf Social Media wenig Angenehmes bescherte. Doch darüber will ich mich nun nicht beklagen, das gehört leider heute zum journalistischen Alltag dazu. Umso wohltuender ist es eben nur, wenn es zumindest auf der Seite des Mediums, in dem ein Beitrag erscheint, gelingt, Antisemitisches nicht zuzulassen. An dieser Stelle also ein herzliches Danke an die Redaktion dafür!

Worüber ich mich bis heute freue: Dass der Blog schon im ersten Jahr seines Bestehens, im November 2012, mit dem Förderpreis in der Kategorie "Online" des Prälat-Leopold-Ungar-Journalist*innenpreises der Caritas ausgezeichnet wurde. "Im Sinne des Lebenswerks von Prälat Leopold Ungar sollen Journalist*innen ermutigt werden, jenseits von oberflächlicher Recherche und plakativer Berichterstattung eine empathische, zielgruppenadäquate und kompetente Auseinandersetzung mit ihrem Thema zu wagen. Im Sinne einer Anwaltschaft für den Menschen und seine Würde", schreibt die Caritas auf ihrer Seite. Ich hoffe, dass mir genau das während der vergangenen etwas mehr als zehn Jahre mit diesem Blog gelungen ist.

In diesem Sinn: Danke Ihnen fürs Mitlesen in all diesen Jahren!

P.S. Und wenn Sie sich nun fragen, was es mit der Badeente auf sich hat: Ich denke, sie illustriert gut meinen Zugang zum Judentum, der getragen ist von Respekt gegenüber allen, die observant leben, aber eben auch das Augenzwinkern beinhaltet, wenn es um Traditionen und Vorschriften geht. Hier habe ich meine rabbi duck auf dem Danubiusbrunnen nahe der Albertina platziert. In diesem Brunnen fließen symbolisch viele Flüsse aus dem ehemaligen Österreich-Ungarn zusammen, wie einst vor und um 1900 auch viele Juden und Jüdinnen aus den verschiedensten Teilen der damaligen Monarchie nach Österreich kamen. Denn ja, das Judentum hat in Österreich eine wechselvolle, aber sehr lange Geschichte.

Und, wenn ich an dieser Stelle noch einen Wunsch formulieren darf: Ich wünschte mir, diese Geschichte würde vielerorts integrativer und weniger herausstellend präsentiert. Was ich damit meine? Statt eine TV-Dokumentation über die jüdische Geschichte dieser oder jener Gegend zu drehen, vielleicht einmal in einer allgemeinen Dokumentation über diesen Landstrich auch über die jüdische Bevölkerung berichten. Oder in einem Regionalmuseum in der Dauerausstellung über die Geschichte der Region eben auch selbstverständlich die Geschichte der dortigen jüdischen Gemeinde miterzählen. Vielleicht gelänge es so besser, dass das Judentum nicht von vielen Menschen gedanklich zuallererst mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust verknüpft würde.