Wie weiß man, dass man in Tel Aviv ist? Ja, am Flughafen sieht man bereits die erste – übergroße – Mesusa und dann begegnet man ihr ständig. Aber nein: religiöser Spirit ist nicht das, was diese Stadt ausmacht. Dazu muss man nach Jerusalem reisen.

Alexia Weiss. - © Stanislav Jenis
Alexia Weiss. - © Stanislav Jenis

Was Tel Aviv ausmacht? Die Palmen, die die Straßen säumen. Zählen kann man sie nicht, das Kind hat es in den Semesterferien versucht, als das Taxi vom Flughafen den Weg in die Stadt einschlug. Bei 100 hat es aufgehört zu zählen. Und dennoch die ganze Woche lang die Palmen, an denen wir vorüberkamen, interessiert bestaunt.
Was hier noch anders ist als in Wien? Die Schilder, die Wegweiser, die meist in drei Sprachen beschriftet sind: Hebräisch, Arabisch, Englisch. Die Meeresluft. Die Lokale, wohin man sieht, mit ihren Schanigärten und verglasten Vorbauten, die einen Teil der Gehsteige einnehmen. Die Obst- und Saftbars, die sich genau so verlockend präsentieren wie hier zu Lande sommers die Eisgeschäfte. Die es in Israel natürlich auch gibt.

Begegnungen finden in Tel Aviv auf der Straße statt. - © Alexia Weiss
Begegnungen finden in Tel Aviv auf der Straße statt. - © Alexia Weiss

Was mich an Tel Aviv aber vor allem fasziniert: hier sind die Stadtplaner darum bemüht, Plätze zu schaffen, auf welchen sich die Bewohner ausruhen, einander begegnen oder aber auch aktiv werden können. Grünflächen sind allgegenwärtig, kleinere und größere Parks, Plätze mit Brunnen und Sitzgelegenheiten, Alleen, auf denen Bänke zum Verweilen einladen.

Und dann der Strand. Die Promenade lädt zum Bummeln ein, vom Hafengelände im Norden (das heute Lokalmeile ist) bis nach Jaffa im Süden. Hier gibt es steinerne Sitzgruppen und holzüberdachte Tische und Bänke. Hier gibt es aber auch Spielplätze im Sand für die Kinder und Fitnessgeräte für Erwachsene, die genauso intensiv genutzt werden wie die Kinderspielplätze, die sich nicht nur am Strand, sondern in der ganzen Stadt finden. Im Hafenviertel ist eben ein ganz neuer eröffnet worden: mit quietschbunten Klettergeräten und einer Piratenschiffrutschlandschaft.

Anders als in anderen Ländern nutzen nicht nur Touristen, sondern auch die Tel Aviver ihren Strand: hier wird enlanggejoggt und geskatet, Rad gefahren und Kinderwagen geschoben, auch wenn das Thermometer nicht Badewetter, sondern nur fünf oder zehn oder 15 Grad anzeigt. Hier treffen einander ältere Männer zum Schach spielen und auffällig hoch ist die Zahl der Regenbogenpaare, die Hand in Hand vorbeischlendern, sich vielleicht in einer der vielen Strandlokale niederlassen. Ist es abends etwas kühler, gibt es Decken, und Heizstrahler werden angedreht. Aber man sitzt draußen, genießt den Klang des Meeres und den Geruch des Salzwassers.

Hier ist klar geregelt, welche Abschnitte zum Schwimmen genutzt werden können und welcher Teil den Surfern vorbehalten ist. Hier gibt es aber auch etwas – und ja, hier ist man dann doch kurz mit Religion konfrontiert – was man so an anderen Stränden nicht sieht: einen sichtgeschützten Abschnitt, der geschlechtergetrennt genutzt werden kann. Damit kommt man den Bedürfnissen orthodox lebender Jüdinnen und Juden entgegen.

Aber wie geht dieses Leben im Freien mit der Terrorgefahr zusammen, hat mich eine Freundin nach unserer Rückkehr nach Wien gefragt. Nun: die Gefahr geht heute eher von Raketen aus, die aber meist nicht die Reichweite haben, um Tel Aviv zu erreichen. Und dann schützt hier ja auch Iron Dome, das mobile Raketenabwehrsystem.

Und sonst: ja, wenn man Einkaufszentren betritt, gibt es eine Absperrung und Sicherheitskontrollen und die meisten Supermärkte und größeren Geschäft haben Sicherheitspersonal am Eingang. Oft sind es übrigens ältere Männer, die diesen Job ausüben. Wenn man heute durch die Wiener Innenstadt spaziert, sind Beschäftigte von Wachfirmen allerdings ebenfalls schon Alltag – auch wenn es hierorts eher um die Abschreckung von Dieben und in Israel eben um das Verhindern von Attentaten geht.

Aber grundsätzlich: es wird gelebt und die Stadt bietet unzählige Möglichkeiten, die Freizeit angenehm – und ohne Kosten – zu gestalten. Das ist umso wichtiger, als viele kämpfen, ihren Alltag zu finanzieren. Wohnen ist teuer und auch die Preise für Lebensmittel nicht billig. Das erklärt vielleicht auch, warum hier so viele ältere Menschen, die in Österreich längst ihre Pension genießen würden, noch berufstätig sind: eben als Sicherheitspersonal, als Taxifahrer, als Guides, die Touristen von Tel Aviv aus zu den vielen interessanten Orten im Land egleiten: nach Jerusalem, nach Haifa, zum See Genezareth, ans Tote Meer …