Andrea Livnat: 111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss. - © Emons:
Andrea Livnat: 111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss. - © Emons:

Wer an Tel Aviv denkt, hat Bauhaus im Kopf, kurzweiliges Nachtleben und entspannte oder sportliche Tage am Strand. Die Stadt hat aber, obwohl sie über keine klassischen Sehenswürdigkeiten verfügt, viele Überraschungen zu bieten. Die deutsche Journalistin Andrea Livnat, die seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Israel lebt, hat nun "111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss" (Verlag emons: ) zusammengetragen. Das, was man in einem herkömmlichen Reiseführer finden würde, sucht man hier vergeblich. Dafür findet auch der Tel Aviv-Kenner noch vieles, was es zu entdecken gibt.

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie mühsam es ist, Hebräisch zu tippen, wenn man zwar die Tasten mit den hebräischen Schriftzeichen belegen kann, sich die Schriftzeichen aber nicht auf den Tasten finden? Jeder, der außerhalb Israels eine Computertastatur oder einen Laptop kauft, kennt dieses Problem. Im ehemaligen Arbeiterviertel Chlenov gibt es eine Graveur-Werkstatt, die hier hilft. Seit 25 Jahren gravieren die Brüder Moshe und Chaim Kazir Buchstaben auf Computertastaturen – nicht nur hebräische, auf Wunsch auch russische, lateinische oder deutsche beziehungsweise skandinavische Umlaute. Wer mit seiner Tastatur oder Laptop kommt, kann nach weniger als einer halben Stunde schon wieder mit den ergänzten Buchstaben darauf aus dem Geschäft hinaus spazieren.

Aus Buchstaben werden Worte zusammengesetzt, aus Worten werden Texte und schließlich entstehen Bücher. Livnat führt in ihrem Guide nicht nur zur Bibliothek Beit Ariela, die zwar an einen Bunker erinnert, aber vor allem durch einen großen Zeitungslesesaal mit breitem Angebot an Tagespresse besticht, sondern gibt auch Tipps, wo man eine gute Auswahl an englischen Büchern second hand findet oder wo arabische Bücher angeboten werden. Im Sommer bietet Tel Aviv Leseratten zudem Lesevergnügen der besonders entspannten Art. Seit 2014 machen von Mai bis November mobile Straßenbibliotheken an verschiedenen Punkten der Stadt Halt (zum Beispiel am Sderot Rothschild) – man sucht sich etwas Einladendes aus und macht es sich in einem Liegestuhl gemütlich.

Wer Mutter oder Vater eines Kleinkindes ist, das sich langsam von seinem Schnuller verabschieden sollte, für den wäre der Schnullerbaum eine gute Adresse. Der Schnuller wird an den Baum gehängt. Das Ritual hilft, sich leichter von dem bisher treuen Wegbegleiter zu verabschieden (der Kiefer wird es später danken). Der Baum befindet sich im Park haYarkom, in der Nähe des Abenteuerspielplatzes.

In Wien gibt es bis heute kein fixes Denkmal für jene Opfer des Nationalsozialismus, die auf Grund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt worden waren. In Tel Aviv ist das anders: Im Gan Meir Park wurden drei rötliche, längliche Quader so angeordnet, dass sie an den rosa Winkel der Nazis erinnern. Entworfen wurde das Rosa-Winkel-Denkmal von der Landschaftsarchitektin Yael Moriah, es steht nun seit Jänner 2014 vor dem Eingang des schwul-lesbischen Kulturzentrums im Gan Meir. Was es so besonders macht: Es ist das erste Denkmal in Israel, das auch der nichtjüdischen Opfer der Schoa gedenkt.

Auch Kulinarik und Kunst kommen in "111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss" nicht zu kurz: Wo bekommt man den besten Hummus der Stadt, wo gibt es besonders leckeres Schakschuka (pochierte Eier in einer Sauce aus Tomaten, Zwiebeln, Paprika), wo gibt es European-style Brot oder wo kann man äthiopisch essen? 1984 und 1991 wurden zehntausende Äthiopier über Luftbrücken nach Israel gebracht. Bis heute kämpfen diese dunkelhäutigen Juden mit starken Diskriminierungen. Das Restaurant Habash ist einer Hütte in einem äthiopischen Dorf nachempfunden und soll über das Essen zur besseren Verständigung zwischen alteingesessenen Israelis und äthiopischen Zuwanderern beitragen. Hauptbestandteil der Küche ist das Injera, ein Fladenbrot, das aus Teffmehl hergestellt wird. Dieses dient sowohl als Teller als auch als Besteck: Die Speisen, zum Beispiel Linsen- oder Fleischgerichte, werden direkt auf das Brot gekippt und gegessen. Klingt verlockend. Ich weiß schon, wohin es mich bei meinem nächsten Tel Aviv-Besuch ziehen wird.