Seit Monaten lerne ich nun mit einer afghanischen Familie Deutsch. Ich habe mich dabei auf die mündliche Sprache und das Lesen konzentriert: einen Lebensbereich nach dem anderen haben wir gemeinsam erobert – vom sich Vorstellen bis zum Verstehen von Formularen, vom Einkaufen bis zum Arztgespräch. Was kann einem weh tun? Aber auch: was ist ein Rezept und wo löse ich es ein? Gehe ich ins Spital, zu einem niedergelassenen Arzt oder wann reicht es, sich selbst etwas aus der Apotheke zu holen?

Von Woche zu Woche wurde der Wortschatz größer, die Möglichkeiten, sich zu verständigen, vielfältiger. Die Motivation: sie war ungebrochen. Da wurden Schriftzüge im Straßenbild zu entziffern versucht, nach deren Bedeutung gegoogelt. Da wurden Fernsehnachrichten angesehen und dann nachgefragt, ob man in etwa das Richtige verstanden habe.

Und dann begann der offizielle Deutschkurs – Level A1. Ein Schnellkurs in wenigen Wochen. Und plötzlich war da: ganz viel Frustration. Das Gefühl, Deutsch zu erlernen, das werde man nie schaffen. Da waren Sätze mit Akkusativ zu bilden und das Partizip Perfekt von verschiedensten Verben. Die Bedeutung vieler der Zeitworte auf dieser langen Liste war nicht bekannt. Das Fallsystem im Deutschen: völlig unklar. Grammatikalische Begriffe: Neuland, teils phonetisch transkribiert in der Mitschrift notiert. Völlig unbrauchbar. Völlig sinnlos. Nun sind die sechs Wochen dieses Kurses vorbei und ja: der Wortschatz hat sich durchaus um den einen oder anderen Begriff erweitert. Aufgebaut hat sich aber nun auch viel Sorge und die Einschätzung, das Erlernen des Deutschen, es werde zur unüberwindbaren Hürde.

Ja, es mag auch andere Kurse, bemühte Lehrende, gelungene Lernerfahrungen geben. Dieser Deutschkurs allerdings erinnert mich alleine durch das, was ich bei den Mitschriften sehe, an das Konzept von Sprachunterricht aus meiner eigenen Schulzeit: das stand auch Grammatikpauken im Vordergrund, der Schriftsprache wurde viel Platz eingeräumt, doch das Sprechen blieb eher auf der Strecke. Dabei ist Sprache doch nur ein Mittel zum Zweck. Der Zweck in diesem Fall: Kommunikation. Und was ist für die neu Angekommenen nun wichtiger, als sich in ihrem Gastland (vielleicht auch bald – wenn dann der positive Asylbescheid da ist – in ihrer neuen Heimat) problemlos verständigen zu können?

Zuwanderer und Flüchtlinge: die gibt es in Österreich nicht erst seit gestern. Und da frage ich mich schon: warum hat man sich nicht längst umgesehen in der Welt, wo gibt es besonders gelungene Konzepte im Bereich Sprachvermittlung und Integration?

Ein Land, das hier zeigt, wie es gehen kann, ist Israel. Es ist ein Einwanderungsland und das Gros der Juden und Jüdinnen, die hierher auswandern, muss das Alltagshebräisch erst erlernen. Ulpan nennt sich das diesbezügliche Angebot, das es seit 1949 gibt: hier wird in fünf Monaten fünf Stunden täglich Hebräisch gepaukt, was das Zeug hält. Am Ende haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen 500 Stunden Hebräischunterricht absolviert, haben nachmittags oder abends noch Hausübungen gemacht und üben im Alltag das vormittags Erlernte. Der Fokus liegt hier zunächst klar beim Sprechen, beim Bewältigen eben von Arztbesuchen, Vorstellungsgesprächen, Einkaufssituationen. Es muss die neue Schrift erlernt werden, das Lesen. Und erst am Ende geht es um grammatikalische Details. Wer zudem fünf Monate intensiv lernt, der ist in die neue Sprache wirklich eingetaucht.

Das Bild, das sich in Österreich derzeit bietet, ist ein völlig anderes. Da warten die Menschen zunächst viel zu lange, um überhaupt in einen Deutschkurs gehen zu können. Dann werden Schnellkurse abgehalten, die in viel zu kurzer Zeit zu viel Inhalte vermitteln. Und dann gibt es wieder eine längere Pause – bis zum nächsten Schnellkurs. Nicht alle geflüchteten Menschen haben jemanden im Hintergrund wie in diesem Fall mich, der nun in einer Art Nachhilfe alles, was nicht verstanden wurde, erklärt, übt, paukt. Aber, und das finde ich schade: vorher haben wir sehr motiviert vor allem verschiedene Gesprächssituationen simuliert – und von Mal zu Mal hat es besser geklappt, einander gegenseitig etwas zu erzählen. Und nun geht es ums Lückenfüllen und Hinterherhecheln.

Die Ablöse von SPÖ-Kanzler Werner Faymann und der Antritt seines Nachfolgers Christian Kern hat wieder Schwung gebracht in dieses Land. Die Bundespräsidentenwahl ist geschlagen und mit Alexander Van der Bellen steht nun ein Mann an der Spitze des Landes, der Menschenrechte hochhält, der selbst als Kind von Flüchtlingen in dieses Land gekommen ist, der weiß, was es braucht, damit ein Neuanfang gelingen kann. Ich hoffe, dass diese Achse Kern-Van der Bellen schon rasch Erfolge zeigt. Erfolge sowohl, was das Bildungssystem für Kinder und Jugendliche (Stichwort: Chancengleichheit) betrifft. Erfolge aber auch im Bereich Integration.

Hier braucht es durchdachte und praxisorientierte Konzepte, und zwar nicht erst morgen, sondern eigentlich schon vorgestern. Deutschkurse sind so ein wichtiges Tool, um den Menschen, die sich zu uns geflüchtet haben, einen Neuanfang zu ermöglichen, um ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu eröffnen, um sie zu selbstständigen Menschen zu machen und eben nicht nur zu Empfängern staatlicher Unterstützungen (die nötig sind, um hier die Anfangszeit zu überbrücken, die aber von den meisten der hier Angekommenen auch nur als das gesehen werden: als Überbrückung). Denn was die Geflüchteten vor allem wollen: sich hier durch ihre Arbeit eine neue Existenz aufzubauen – und ihren Kindern eine gesicherte Zukunft in Frieden zu bieten.