"Bist du wirklich jüdisch?" – "Sie wird es schon sein, aber von der Sorte, die wir in Israel nur mit Verachtung sehen" – "Gibt es nicht in Wien auch genug kranke, arme alte Juden aus der ehemaligen Sowjetunion? Helft denen, unserem Volk – und nicht denen, die uns hassen und töten wollen!"

Wenn man sich nicht nur auf vertrauten Bahnen bewegt, bläst einem schnell einmal rauer Wind entgegen. Vor der Wiederholung der Bundespräsidentenstichwahl habe ich mich entschieden, meinen Facebook-Account für alle zu öffnen, die mir eine Anfrage schicken. Raus aus der Blase: das schien mir zu diesem Zeitpunkt der richtige Weg zu sein. Das sehe ich auch heute so.

Was mich allerdings überraschte: Deklarierte FPÖ-Wähler haben sich auch weiterhin keine zu mir verirrt. Dafür viele, viele Flüchtlinge, was zeigt: hier gibt es einen Bedarf. Diese Menschen sind auf der Suche nach Anschluss, auf der Suche nach Österreichern, mit denen sie Deutsch sprechen üben und sich austauschen können.

Und dann haben sich da auch noch ein paar rechtszionistische Juden aus Deutschland zu meinen FB-Bekanntschaften gesellt. Sie – siehe eingangs - poltern los, wenn man sich für Flüchtlingshilfe ausspricht oder gar erzählt, dass man sich selbst mit Geflüchteten angefreundet hat. Man wird dann als naiv abqualifiziert, als weltfremd, dem die Realität schon noch begegnen werde: dann, wenn man sich einer antisemitischen Attacke eines Flüchtlings ausgesetzt sehen werde.

Als sich der jüdische Verein Shalom Alaikum zu Chanukka vor einem Jahr erstmals auch in der jüdischen Öffentlichkeit präsentierte, waren ähnliche Befürchtungen zu hören. Dieses Wochenende wird das Lichterfest wieder gemeinsam gefeiert. Zu den 20 Familien, die zu Beginn in dem von dem Verein mitbetreuten Haus in der Wiener Leopoldstadt lebten, haben sich inzwischen weitere Menschen gesellt: die, welche bereits Asyl erhalten haben, sind – mit der Hilfe von Shalom Alaikum – in der Zwischenzeit in eigene Wohnungen übersiedelt. Andere Flüchtlingsfamilien bezogen die frei gewordenen Plätze in der Flüchtlingsunterkunft.

So wird die Anzahl der Geflüchteten, die mit den Jüdinnen von Shalom Alaikum in Kontakt kommen und mit ihnen Freundschaft schließen, immer größer. Antisemitischen Vorfall gab es bisher keinen. Aber das Netz zwischen den mehrheitlich muslimischen Refugees und den jüdischen Helferinnen, es wird immer größer und größer. Und dieses Beziehungsgeflecht, es wirkt noch tiefer: die Führung der Kultusgemeinde lobt inzwischen bei offiziellen Terminen die Initiative. Genauso ist es auch bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft. In beiden Communities wissen also inzwischen viele Menschen: da gibt es diese Jüdinnen und sie helfen Muslimen. Und sie tun das nicht nur mit Geld (das auch wichtig ist!), sondern vor allem mit Zeit und unter Zuhilfenahme ihrer persönlichen Kontakte und Netzwerke.