US-Schriftsteller Gary Shteyngart emigrierte als Siebenjähriger von Leningrad nach New York. - © By Mark Coggins, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3956228
US-Schriftsteller Gary Shteyngart emigrierte als Siebenjähriger von Leningrad nach New York. - © By Mark Coggins, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3956228

Als der siebenjährige Gary Shteyngart 1979 als russisches Emigrantenkind in der Solomon Schechter School of Queens (SSSQ) eingeschult wird, wo Kippa-Tragen Pflicht ist und Religionsunterricht groß geschrieben wird, befindet er sich im sozialen Gefüge ganz am unteren Ende der Kinder-Hierarchie. Sein Englisch wird erst wachsen, der russische Akzent sich erst im Alter von 14 Jahren verflüchtigen.

Doch dann katapultiert ihn plötzlich eine Begebenheit einige Stufen auf der inoffiziellen Beliebtheitsskala hinauf. Schon in der Sowjetunion hatte er seine erste Geschichte geschrieben, auf Russisch. Die Großmutter belohnte das Talent und den Fleiß des Enkels: für jede fertige Seite gab es ein Stück Käse. In den USA versuchte sich Shteyngart auch in der neuen Sprache im Schreiben. Inspiriert von "Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine", das die Familie abonniert hatte, verfasste er seinen ersten Roman: "Die Prüfunk".


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In einem Nebensatz erzählt er davon in der Klasse, doch eine aufmerksame Lehrerin schnappt es auf. Sie bittet ihn, seinen Text mitzubringen, liest ihn und dann geschieht etwas Wunderbares: die Geschichte ist von Anfang bis Ende mit Fehlern gespickt, doch das macht die Lehrerin nicht zum Thema. Im Gegenteil, sie bittet den Buben jede Stunde zehn Minuten aus seiner Geschichte vorzulesen. Die anderen Kinder sind fasziniert, wollen wissen, wie es weitergeht und so wird der kleine Gary Shteyngart trotz Fehlern, trotz seinem zu dieser Zeit noch starken Akzent, zum anerkannten Geschichtenerzähler.

"Und während ich spreche, höre ich neben meiner seltsamen neuen englischen Stimme noch etwas vollkommen Ungewohntes – anstelle des üblichen Hintergrundgeräusches der SSSQ aus Gequietsche, Geschrei und scheket bewakascha! (Hebräisch: Ruhe bitte!) höre ich: Stille. Die Kinder sind still. Sie hängen mir an den Lippen, folgen den Schlachten zwischen Atlantaern und Lopezianern bis dahin, wo ich in den mir zugestandenen zehn Minuten komme. Und sie hören meiner Geschichte auch in den kommenden fünf Wochen hinweg zu, weil Miss S das Ende jeder Englischstunde zur ‚Prüfunks-Zeit’ auserkoren hat, und schon während der Englischstunde rufen sie immer wieder: ‚Wann liest Gary denn endlich?’", erinnert sich Shteyngart in seiner eben als deutschsprachiges Taschenbuch erschienenen Autobiografie "Kleiner Versager" (dtv).

Das war wohl der Moment, wo aus dem kleinen Gary der spätere erfolgreiche Schriftsteller Gary Shteyngart wurde. Das war der Moment, in dem das Emigrantenkind seine große Chance erhielt. Die Lehrerin würdigte die kreative Leistung – statt auf den vielen Fehlern herumzureiten.