Schule in Österreich funktioniert leider anders. Schule in Österreich fokussiert nahezu ausschließlich auf der Defizitbehebung. Perfektion ist das Ziel. Hier bekäme der kleine Gary seine Geschichte wohl mit jeder Menge roter Korrekturen zurück.

Am heimischen Bildungssystem wird seit Jahren herumgedoktert – doch der große Wurf bleibt aus. Zu weit sind die Regierungsfraktionen SPÖ und ÖVP hier seit jeher auseinander, zu groß die Gräben, die es zu überwinden gäbe. Innenminister Wolfgang Sobotka nannte in seinem jüngsten Statement, mit dem er die Notwendigkeit unterstrich, die Obergrenze für Flüchtlinge zu halbieren, auch die schwierige Situation an Schulen als Grund. Das Unterrichten von Kindern, die ohne Deutschkenntnisse als Quereinsteiger ins Bildungssystem einsteigen, ist sicher eine Herausforderung. Allerdings ist das Schulsystem seit vielen Jahren mit einer zunehmenden Zahl von Kindern konfrontiert, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Seit langem fordern Sprachexperten hier einen entsprechenden Umbau. Doch es will nicht gelingen.

Immer noch funktioniert Schule nicht als alleiniges System von Pädagogen und Kindern. Wer keine Eltern hat, die helfen können, ist auf ziemlich verlorenem Posten. Daran haben nicht unbedingt die Lehrer und Lehrerinnen Schuld, die sich redlich abmühen. Auch sie stecken in einem Korsett. Und dieses wird zunehmend enger. Teaching to the test nimmt überhand, die Zentralmatura wirft von der ersten Klasse Gymnasium an ihre Schatten voraus und in der Volksschule ist Lesen das große Thema.

Nun könnte man hier ja durch Vorlesen, gemeinsames Lesen, individuelles Lesen vieles vorwärts bringen, aber geübt wird vielerorts vor allem, wie man bei den Lesetests richtig ankreuzt. Ja, das ist nun vielleicht etwas überspitzt formuliert, denn um etwas ankreuzen zu können, muss man ja erst verstehen, was man gelesen hat. Aber dennoch: viel Prüfungsvorbereitung. Dem guten Abschneiden bei diesen Erhebungen wird an so manchem Schulstandort das Lernen mit Spaß, mit Freude untergeordnet.

Menschen wachsen durch Lob, Menschen wachsen durch Anerkennung. Das ist bei Kindern so, aber auch bei Erwachsenen. Ja, wir haben eine große Integrationsaufgabe vor uns. Sie könnte leichter gelingen, wenn Schule allen Kindern, aber insbesondere solchen, deren Eltern nicht helfen können, vermitteln würde: jeder Mensch hat besondere Fähigkeiten und Talente, die in ihm schlummern. Dieser Ansatz hilft ungemein, Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, über sich hinauszuwachsen.

Vielleicht ist der kleine Mohammed ein Mathematik-Talent, aber hat noch Schwierigkeiten, die Textaufgaben gut zu verstehen. Man kann ihn mit Aufgaben, die anspruchsvoll sind, aber nicht so viel Sprachkenntnis erfordern, ermuntern und fördern. Oder vielleicht sogar Beispiele in seiner Muttersprache organisieren. Vielleicht ist die kleine Asma eine wunderbare Geschichtenschreiberin, wenn man über die Fehler hinwegsieht und man ihre Phantasie so nicht von vorneherein stoppt. Vielleicht kann die kleine Laila ganz ausgezeichnet singen und sollte in den Schulchor aufgenommen werden, auch wenn sie sonst eher still in der Klasse sitzt, weil sie noch nicht so viel vom Unterricht mitbekommt.

Viele der Kinder, die da in den vergangenen zwei Jahren zu uns gekommen sind, sind nicht a priori Versager. Es wäre schön, würde man sich noch mehr Mühe geben, ihre Talente zu entdecken, anstatt nur die Defizite zu konstatieren. Wer selbstbewusst und motiviert lernt, kann letztere auch rascher ausmerzen und überwinden.