Warum? Beim Schächten werde nicht betäubt, heißt es dann sofort. Doch erstens, siehe eingangs: beim konventionellen Schlachten geht beim Bolzenschuss schon auch einmal etwas schief. Eine erkleckliche Anzahl von Rindern leidet dann also tatsächlich noch für ein paar Sekunden, nachdem ihre Halsschlagadern durchtrennt wurden. Das kann beim koscheren Schlachten nicht passieren. Der Schnitt ist Betäubung und Schlachtung zugleich: der ausgebildete Schlachter (Schochet) durchtrennt den gesamten Schlund, also nicht nur die Carotiden, sondern auch Luft- und Speiseröhre sowie weitere Blutgefäße, mit einem raschen Schnitt. Dadurch wird die Blutzufuhr zum Gehirn sofort unterbrochen, der Blutdruck senkt sich rasant. Das Tier spürt also keinen Schmerz. Beim darauffolgenden Ausbluten ist es nicht bei Bewusstsein. Bewegungen, die vom Beobachter wahrgenommen werden, sind Nervenreaktionen und kein Todeskampf. Man kennt sie auch von bereits toten Hühnern.

Letzteren wird beim Schächten gleichfalls der Hals durchschnitten – auch hier sofortige Betäubung inklusive. Beim konventionellen Schlachten werden Hühner zunächst an den Beinen aufgehängt und dann mit den Köpfen in ein Wasserbad getaucht, wo sie durch einen Stromschlag betäubt werden. Immer wieder versuchen Tiere das Eintauchen zu vermeiden – sie streifen das Wasser wiederholt mit dem Kopf und erhalten so mehrere schmerzhafte elektrische Schläge nacheinander, die manches Mal nicht zu einer umfassenden Betäubung führen. Danach erfolgt die Schlachtung.

Wenn man mit einem Schochet spricht, dann kann er auch Folgendes erzählen: das Fleisch von koscher geschächteten Tieren weist wesentlich niedrigere Adrenalinwerte auf als jenes von konventionell geschlachteten. Daraus lasse sich ablesen, dass die Tiere im Zug der Schlachtung weniger Stress ausgesetzt waren. Koscheres Schlachten beinhaltet zudem eine sofortige Beschau durch einen Bodek (ein speziell ausgebildeter Fleischbeschauer). Dabei werden etwa die Lungen von Rindern aufgeblasen. Weisen diese ein Loch auf, gilt das Tier nicht mehr als koscher. Insgesamt muss der Gesundheitszustand einwandfrei sein. Das schließt zum Beispiel auch lange Tiertransporte aus.

Was ist barbarisch, was modern?

Barbarisch contra modern: diese Begriffe kommen ins Spiel, wenn die eigentliche Motivation der Kritik am Schächten Fremdenfeindlichkeit ist. Hier sei erstens gesagt: mit dem traditionellen Schlachten am Bauernhof hat das Schächten nichts zu tun. Wenn ohne vorherige Betäubung nur die Halsschlagadern durchtrennt werden, müssen die Tiere tatsächlich einige Momente leiden. Der Schächtschnitt geht aber eben weit tiefer. Zweitens: ist die industrialisierte Schlachtung tatsächlich so viel moderner? Angenehmer vielleicht für den Menschen. Aber auch besser auszuhalten für das Tier? Die Adrenalinwerte sprechen eine andere Sprache. Drittens: wenn von Traditionen und "unserer Kultur" gesprochen wird, das "bei uns" bemüht wird und das Österreichische hervorgestrichen: Juden leben nicht erst seit gestern in diesem Land. Damit hat auch die koschere Schlachtung hier zu Lande eine lange Tradition.

Stichwort Barbarei: ich empfinde das koschere Schlachten als ehrlicher. Wer Fleisch isst, muss sich bewusst sein, dass dafür ein Tier sterben musste. Das Schächten zielt dabei darauf ab, dass das Tier gesund ist und nicht leiden muss. Wer mit Antibiotika vollgepumptes Fleisch aus Massentierhaltung für moderner hält als Fleisch von gesunden, nicht durch Transporte oder den Schlachtvorgang gestresste Tiere, der sollte das vielleicht einmal hinterfragen. Ist industrielles Töten nicht die eigentliche Barbarei? Wird damit dem Tier nicht auch Würde und Wertschätzung genommen? Der Schochet, er weiß, dass er seinen Schnitt rasch und richtig setzen muss, er will das Tier den Tod nicht spüren lassen. Die moderne Schlachthoftechnologie dagegen, sie will dem Menschen das Töten erleichtern.

"Zurück zum Ursprung", mit dieser Formel bewirbt eine Supermarktkette ihr Bio-Sortiment. Tatsächlich spürt Bio-Landwirtschaft Ackerbau und Viehzucht von früher nach, im Vordergrund stehen Qualität und gesunde Produkte und nicht Gewinnmaximierung und das Ausquetschen von Ressourcen. Bio ist hip und in aller Munde – und das ist auch gut so. Warum vor diesem Hintergrund das Schächten als rückständig und barbarisch eingestuft wird, will sich mir einfach nicht erschließen.

Vielleicht hat dies aber auch mit falschen Bildern in den Köpfen mancher zu tun, die sich hartnäckig halten: da liegt dann ein im Hinterhof geschlachtetes Tier in einer Blutlache. Hinterhof-Schlachtung ist in Österreich untersagt. Auch die koschere Schlachtung findet in einem Schlachthof statt. Das gilt übrigens ebenso für die Halal-Schlachtung, die allerdings nicht ident mit der koscheren ist: der Schnitt wird hier anders angesetzt.