Königin Esther: ihre Geschichte ist Heldinnenstoff. Wenn Jüdinnen und Juden weltweit diese Woche Purim feiern, dann steht sie im Mittelpunkt. Hätte es Esther laut Schilderung in der Tora im alten Persien nicht geschafft, den König auf die dunklen Seiten von Haman hinzuweisen, wäre letzterem die Verfolgung und Ermordung von Juden geglückt. Und wir müssten uns heute, anstatt fröhlich und ausgelassen eine geglückte Rettungsaktion zu feiern, an ein weiteres Hinschlachten von Juden erinnern.

Dank Esther ist dem nicht so. Insofern ist sie auch ein perfektes role model für den morgigen Frauentag. Grundsätzlich müssen role models meiner Ansicht nach allerdings nicht immer Heldinnen sein – und auch keine Vorzeigefrauen mit Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit. Das ist allerdings das, was wir Frauen rund um den Frauentag oft medial serviert bekomme: Frauen in Führungspositionen, Wissenschafterinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen. Sie sind es, die als besonders emanzipiert gelten.

Lebenskonzepte sind verschieden

Doch nicht jede Frau hat den Drang, sich in die erste Reihe zu stellen – was nicht heißt, dass sie deshalb ein rückständigeres Leben führt oder ihre Leistung niedriger einzustufen ist. Am Frauentag geht es für mich auch darum, Mädchen und Frauen zu vermitteln: du bist Herrin deines Lebens. Du hast Entscheidungsfreiheit: du kannst dich für eine Karriere als Businesswoman entscheiden, engagierte Lehrerin mit Familie sein, du kannst ein paar Jahre lang den einen und später einen anderen Beruf ausüben, es ist in Ordnung, wenn es dir auch wichtig ist, Mutter zu sein – und egal, ob du dein Kind mit deinem Partner oder alleine großziehst. Und wenn du meinst, du hättest gerne eine ganze Kinderschar, dann ist das ebenfalls okay.

Am Ende geht es darum, das Leben geführt zu haben, mit dem frau sich wohl fühlt. Kompromisse bleiben dabei keiner erspart. Die Realität sieht meist anders aus, als frau sie sich zuvor vorgestellt hat. Als junge Journalistin, die eben länger und auch einmal bis spätnachts im Einsatz war, wenn Notwendigkeit dazu bestand, war mir nicht klar, dass diese Flexibilität mit einem Kind nicht nur in den ersten Jahren nach der Geburt, sondern für eine ganze Weile nicht möglich ist. Da gibt es dann ja Kinderbetreuung, Babysitter(inn)en und wenn die lieben Kleinen in der Volksschule sind, ist das Gröbste ohnehin schon überstanden. So die vage Vorstellung.

Mitnichten ist es so. Erstens spürt man gegenüber der Tochter, dem Sohn auch eine emotionale Verpflichtung: Kinder wollen nicht gerne einmal vom einen, dann von der anderen, schließlich von einer dritten Person ins Bett gebracht werden. Eine Beziehung mit großer Abhängigkeit ist entstanden. Hier lässt sich vieles nicht so einfach delegieren.

Wie sieht es mit der Lernarbeit aus?

Und dann ist da noch das große Thema Schule: das heimische Schulsystem nimmt bis heute Eltern massiv in die Pflicht. Lesetraining, Hausaufgabenkontrolle, das kleine Einmaleins: wer hier zu Hause keine Unterstützung hat, der tut sich schwerer, hat schlechtere Chancen zu reüssieren. Das Modell, das hier Abhilfe schaffen könnte, ist die Ganztagsschule. Sie ist allerdings nur in Wien ein Modell, das forciert umgesetzt wird. Und dennoch offenbar noch immer nicht das Bild von Schule in vielen Lehrer- und Lehrerinnenköpfen gänzlich ändern kann. Auch hier sind es die Eltern, die darauf schauen sollen, dass das Kind seine Leseübungen macht. Ganztagsschule sollte meiner Meinung nach bedeuten, dass der Pädagoge, die Pädagogin immer wieder evaluiert, wo ein Kind steht, aber weniger um es zu beurteilen, sondern mehr um zu schauen, was es noch braucht, um am Ende des Jahres das Lernziel zu erreichen. Kurz: Schule sollte in der Schule erledigt werden mit individueller Förderung – zum Ausgleichen von Schwächen und zum Stärken von Stärken. Dieser Idealzustand wird leider noch lange nicht erreicht sein.

Das bedeutet für Frauen: sie müssen sich nach der Decke strecken. Schauen, wie sie es dennoch schaffen, Beruf und Kind(er) unter einen Hut zu bringen. Das erfordert immer wieder Anpassung. Für die einen ist Teilzeitarbeit der beste Ansatz, andere entschließen sich für die Selbständigkeit, weil so Vollzeitarbeit möglich ist, die mit einem nine to five-Job nicht umsetzbar wäre, und dann gibt es auch noch jene, die entweder Großeltern zur Unterstützung haben oder sich Nanny oder ein Babysitternetzwerk leisten (können), um das Kind stets gut versorgt zu wissen, wenn es im Job wieder einmal länger wird.

Superwomen 

Eine Gruppe von Frauen, die ich hier vor den Vorhang holen möchte, sind orthodoxe Jüdinnen, die ein religiöses Leben führen, viele Kinder haben, gut ausgebildet sind und mit beiden Beinen im Berufsleben stehen. Sie sind oft Kindergartenpädagoginnen, Lehrerinnen, Webspezialistinnen. Oder üben einen ganz anderen Beruf aus. In jedem Fall tragen sie zu einem großen Teil des Familieneinkommens bei (oder erhalten teilweise überhaupt die Familie). Das funktioniert, weil es meist – dann, wenn Verwandtschaft in derselben Stadt lebt - ein großes Familiennetzwerk gibt: irgendjemand ist immer da, der unter die Arme greifen kann.

Dennoch erscheint mir diese Aufgabe nahezu nicht zu erfüllen: ein Berufsleben trotz vieler Schwangerschaften, der Betreuung mehrerer kleiner Kinder und sehr kurzen Karenzzeiten nach der Geburt, ein religiöses Leben, das nicht zuletzt, weil das Essen koscher sein muss, viel Selbstkochen, Einkaufen, Hausarbeit erfordert, und dann noch die Beziehungsarbeit, in der Ehe und mit den Kindern. Ich sehe mich an manchem stressigen Arbeitstag schon mit nur einem (nicht mehr so kleinen) Kind außerstande, etwas zu kochen und wir gehen auswärts essen, damit etwas Gesundes und nicht nur irgendein Snack aus einem Päckchen auf den Tisch kommt.

Es ist immer eine Frage der Perspektive – ich habe für mich ein anderes Leben gewählt. Dennoch sind diese Frauen für mich jüdische Powerfrauen.