Alexia Weiss - © Stanislav Jenis
Alexia Weiss - © Stanislav Jenis

30 Jahre sind eine lange Zeit. In 30 Jahren kann sich viel entwickeln. Stadtteile verändern sich, Gesellschaften verändern sich, Haltungen verändern sich. Zum Besseren, zum Schlechteren. Oder auch gar nicht.

1987 pflanzten Wiener Schülerinnen und Schüler auf einem zehn Hektar großen Areal östlich der heutigen Seestadt Aspern 65.000 Laubbäume – in Erinnerung an die 65.000 in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden. So entstand ein Gedenkwald – der vor sich hinwuchs und über die Donaustadt hinaus wenigen Menschen bekannt war.

Die Menschen, die in der wachsenden Seestadt eine neue Heimat gefunden haben, erkunden nun auch verstärkt die umliegende Natur. Der Gedenkwald ist allerdings schwer zugänglich. Bezirksvorstehung Donaustadt, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, das Stadtteilmanagement Seestadt aspern, die Projektsteuerung aspern und Historiker haben hier nun ein Projekt entwickelt, wie das Areal einerseits als Erholungsgebiet genutzt werden kann, andererseits aber die Erinnerungsebene erhalten bleibt.

Holzstege in den Gedenkwald

Im Winter wurde zunächst mit der Waldpflege begonnen und derzeit entstehen zwei Holzstege. Sie verbinden ein neu geschaffenes Entrée auf der ehemaligen Landebahn des Flugfelds Aspern mit einer Lichtung im Gedenkwald. So bleibt der Wald an sich geschlossen und wird dadurch auch eher als Erinnerungsort wahrgenommen.

In 30 Jahren wächst also ein Wald und man hat den Eindruck, diese Bäume waren immer schon da. Sie sind gut verwurzelt und sie leben weiter. Auch das eine schöne Analogie zur jüdischen Bevölkerung Österreichs: es gibt sie seit vielen Jahrhunderten und sie haben Wurzeln geschlagen. Man hat versucht, sie auszureißen, diese Wurzeln, immer wieder, aber vor allem in den sieben dunklen Jahren, doch nach 1945 haben wieder einige Jüdinnen und Juden ihre Zelte hier aufgeschlagen, aus denen schließlich feste Heime, gut hier integrierte Existenzen wurden.

Weitere Juden zogen zu, aus anderen Kulturkreisen mit anderen Traditionen und wie auch der Wald mit seinen verschiedenen Baumarten sind sie heute eine gute, interessante Mischung. Dass nun Holzstege durch den Gedenkwald führen, das ermöglicht eine würdige Erinnerung an die 65.000 Toten, für die diese Bäume stehen.

Manchmal hat man allerdings den Eindruck, einige Menschen begegnen Juden oder dem Thema Judentum ebenso: ein bisschen in Watte gepackt, mit vorsichtigem Abstand, weil man nichts Falsches sagen will. Weil man bloß niemanden beleidigen will. Oder weil man weiß, dass die Dinge, die man eigentlich gerne sagen würde, in der heutigen Gesellschaft nicht opportun sind. Also sagt man sie nicht.