Großer Sprung von der Waldheim-Zeit bis heute

Das ist vordergründig gut. Es zeigt, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat. Es zeigt, dass sich von der Waldheim-Zeit bis heute sehr viel zum Positiven verändert hat. Es zeigt, dass Antisemitismus ein offizielles No-go ist. Es zeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich hier um Verständnis bemühen, die sagen: wir sind nicht wie unsere Vorväter, wir wollen es besser machen.

Allerdings gibt es heute im Internet immer mehr Räume, wo Menschen anonym völlig ungehemmt sagen können, was sie sich eigentlich denken. Und das auch tun. Und je mehr Menschen das tun, desto mehr fallen die Hemmungen. Das ist ernüchternd. Immer wieder kommen dann die Bilder vom reichen Juden und von der weltweiten jüdischen Vernetzung beziehungsweise der jüdischen Weltverschwörung.

Und da stellt sich die Frage: warum schafft es Erinnerungsarbeit, die es in Österreich gerade in den vergangenen Jahrzehnten sehr facettenreich und engagiert gibt, Haltungen nicht gänzlich zu verändern? Warum sind Vorurteile nicht auszurotten beziehungsweise, warum ist es so viel leichter, diese zu bestärken als sie abzubauen? Würde diese Saat nämlich nicht nur ein bisschen, sondern gänzlich aufgehen, würde auch grundsätzlich so, wie das derzeit passiert, Fremdenfeindlichkeit nicht immer mehr an Boden gewinnen.

Das Österreich-zuerst-Gefühl

Warum dieses Gefühl – Österreich, Österreicher zuerst – von immer mehr Menschen vorsichtig oder weniger vorsichtig formuliert wird, das hat auch viel mit den Ansagen zu tun, die aus der Politik kommen. Anpassen heißt es da, sich integrieren, nicht auffallen, aber auch: nicht noch mehr Zuwanderung und es wird das Das-Boot-ist-voll-Bild bemüht. Anpassen an die Mehrheit, wo man diskutieren könnte: gibt es die eine Mehrheit, oder ist nicht auch diese Mehrheit schon ein inhomogenes Gemisch?

Das anzuerkennen, sich als historisch gewachsene Einwanderungsgesellschaft zu verstehen, die Österreich schon so lange ist – man denke nur an das 19. Jahrhundert mit den Wanderbewegungen innerhalb der Monarchie – würde uns als Gesellschaft so gut tun und im Selbstverständnis weiterbringen. Die jüdische Gemeinde Wiens hat genau diesen Prozess in den vergangenen Jahren durchlebt und mit durchaus respektablem Ergebnis gemeistert. Aschkenasen, Sefarden: hier verschwimmen inzwischen die klaren Linien. Ist ein Kind eines Aschkenasen und einer Sefardin aschkenasisch oder sefardisch? Oder vermischen sich eben nicht einfach Traditionen? Das kann bereichernd sein. Es muss auch nur so vermittelt und empfunden werden.