Jom HaSchoa. Das ist jener Tag, an dem in Israel alles kurz still steht. Ob am Strand, auf der Autobahn: kollektives Innehalten. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zünden sechs Schoa-Überlebende, stellvertretend für sechs Millionen in der NS-Zeit ermordete jüdische Frauen, Männer und Kinder eine Fackel an. Heuer wurden die Fackeln von Elka Reines-Abramovitz (geb. 1932 in Novoselitsa in der heutigen Ukraine/damals Rumänien), Moshe Ha-Elion (geb. 1925 in Thessaloniki/Griechenland), Moshe Jakubowitz (geb. 1929 in Warschau/Polen), Moshe Porat (geb. 1931 in Hajdúnánás/Ungarn), Max Privler (geb. 1931 in Mikulichin in der heutigen Ukraine/damals Polen) und Jeannine Sebbane-Bouhanna (geb. 1929 in Nemours/Algerien) zum Leuchten gebracht.

An der diesjährigen Gedenkzeremonie in Jerusalem nahm auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern teil. Bei einem Treffen mit Holocaust-Überlebenden sagte er, Österreich habe seine Lektion gelernt. Und: "Wie wir mit Rassismus und Antisemitismus umgehen, zeigt, was für eine Gesellschaft wir sind." Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bedauerte in seiner Rede, dass Massenmord und Genozid auch nach der Schoa nicht verhindert worden sind. Als Beispiele nannte er Kambodscha, Ruanda, den Sudan und auch Syrien.

Erinnern ist wichtig

Damit hat Netanjahu aus meiner Sicht etwas sehr Wichtiges angesprochen. "Never again" lese ich heute vielfach auf den Facebook-Seiten meiner Freunde und Freundinnen. Sie alle meinen es gut. Das Erinnern ist wichtig. Das "Niemals wieder" zu verinnerlichen ist essenziell, um aus der Vergangenheit zu lernen. Aber sieht die Realität leider nicht ganz anders aus? Versagt die Menschheit nicht ein ums andere Mal und beklagt dann wieder eine humanitäre Katastrophe? Ein Massensterben? Eine verlorene Generation?

Die UN-Menschenrechtskonvention ist als Lehre aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zu sehen. Flüchtenden Menschen soll nicht mehr die Tür vor der Nase zugeschlagen werden, sprich: im Idealfall sollte es für jeden Menschen auf dieser Erde einen sicheren Hafen geben.

Genau das Gegenteil passiert: Tür um Tür wird geschlossen, Grenze um Grenze dicht gemacht. Die Türkei errichtet eine Mauer, um Syrer und Syrerinnen von der Einreise abzuhalten. Die Europäische Union hat die so genannte Balkanroute auf dem Papier dicht gemacht. In der Praxis heißt das: Schlepper verlangen immer höhere Preise für eine immer gefährlich werdendere Flucht, wodurch am Ende tatsächlich weniger Menschen die EU erreichen. Von Nordafrika aus wagen immer mehr Verzweifelte mangels Alternativen die Fahrt übers Mittelmeer. Die Schlepper überfrachten dabei ohnehin schon kleine Boote, wer nicht von einem Rettungsschiff in Sicherheit gebracht wird, läuft Risiko zu ertrinken. Und genau das passiert auch in immer höherer Zahl.