1. Mai am Bahnhof Praterstern. Wie müssen Menschen aussehen, um als zugehörig empfunden zu werden? - © Alexia Weiss
1. Mai am Bahnhof Praterstern. Wie müssen Menschen aussehen, um als zugehörig empfunden zu werden? - © Alexia Weiss

"Aber du lebst ja ganz normal." Diesen Satz habe ich schon öfter gehört. Auch in der Variation: "Aber du bist ja so wie wir." Oder: "Bei Ihnen merkt man es ja nicht." Oder, am klarsten: "Sie sehen gar nicht jüdisch aus." Das hat erst vor wenigen Wochen ein Taxifahrer zu mir gesagt, nachdem ich mich nach einem kurzen antisemitischen Ausritt seinerseits genötigt sah, die Dinge nicht einfach unkommentiert stehen zu lassen.

Selbst bei Menschen, die interessiert an der Geschichte des Judentums, an Bräuchen und Riten sind, die es ganz wunderbar finden, dass die Mazzesinsel ein Revival erlebt oder Klezmer-Musik diese melancholisch-schwermütige Note unterstreicht und dennoch ein positives Lebensgefühl vermittelt, erlebt man oft diesen erleichterten Moment: Gott sei Dank können wir jetzt ohne groß nachzudenken noch ins nächste Lokal etwas trinken gehen. Ich kann dir die Hand geben. Und ist es eh in Ordnung, wenn ich dich am Samstag anrufe? Ja, ist es. Ich mache ja keinen Hehl daraus, dass ich säkular lebe.

Aber was heißt das im Klartext? Es bedeutet, dass Jüdinnen und Juden, die orthodox leben, als doch nicht ganz so normal empfunden werden. Die politische Korrektheit verlangt das gute Miteinander zu beschwören, die Wichtigkeit von Vielfalt zu unterstreichen und irgendwann in dieser Gedankenkette das "Nie mehr wieder" zu beschwören. Aber eigentlich schwingt doch bei sehr vielen Menschen mit: die Juden, die eigentlich so wie wir leben, die nicht auffallen, die sind uns ein Stück lieber. Die tragen nicht so das Besondere vor sich her. Mit denen lässt es sich doch wesentlich leichter zusammenleben.

Assimilation hat Jüdinnen und Juden nichts gebracht

Meinen Großeltern hat es herzlich wenig genutzt, dass sie im Wien der Zwischenkriegszeit sehr modern, sehr weltoffen, zwischen Universität, Schauspielausbildung, Theatern, Cafés und Sport aufgewachsen sind. Am Ende waren sie Juden und hatten Gott sei Dank den Weitblick, zeitig genug das Weite zu suchen. Am Ende bestimmten Hitler und seine Handlanger, wer Jude, wer Jüdin ist. Vielen, vielen anderen erging es ähnlich. Immer wieder hört beziehungsweise liest man Erzählungen, wonach Menschen sagen, eigentlich hat mich überhaupt erst der Nationalsozialismus zum Juden gemacht. Assimilation – egal, ob bewusst angestrebt, oder ob der- oder diejenige sich einfach in diese Richtung entwickelt hat – schützte nicht vor Verfolgung. Eine bittere Erkenntnis. Eine bittere Lehre.