Frauenabschnitt an der Klagemauer in Jerusalem. - © Alexia Weiss
Frauenabschnitt an der Klagemauer in Jerusalem. - © Alexia Weiss

Mehrere Jahre wurde verhandelt, bis im Vorjahr der Plan stand: an der Klagemauer in Jerusalem sollen nicht nur Männer und Frauen jeweils getrennt beten können, sondern auch Männer und Frauen gemeinsam. Dies ist vor allem ein Anliegen von liberalen Jüdinnen und Juden weltweit. Sie stellen in den USA die überwiegende Mehrheit der jüdischen Gemeinden. Als ich vergangenen Dezember am Jewish Media Summit 2016 teilnahm, war der egalitäre Abschnitt an der Kotel das Thema, das die US-Kollegen und –Kolleginnen am meisten interessierte. Auch als sich Premier Benjamin Netanjahu für Fragen der Auslandspresse, die an dieser Konferenz teilnahm, stellte, galt die erste Frage der Klagemauer. Damals scherzte er, ob es keine anderen Themen gebe.

Das Lachen ist Ende Juni vor allem all jenen vergangen, die diese gemischte Form des Gebets schon zum Greifen nahe wähnten. Aus Rücksicht auf den ultraorthodoxen Koalitionspartner, die Partei Vereinigtes Tora-Judentum, fror die Regierung nun den Kotel-Plan ein. Der Aufschrei, vor allem unter Reformjuden, war groß. Die Organisation "Women of the Wall", die sich Jahre lang für einen egalitären Betbereich an der Klagemauer eingesetzt hatte, meinte, die israelische Regierung habe sich "von einer Handvoll Extremisten festnehmen lassen".

Enttäuschung, dass doch kein egalitärer Abschnitt an der Klagemauer kommt

Aber auch der Vorsitzende der Jewish Agency (dies ist die offizielle Einwanderungsorganisation Israels), Natan Sharansky, sagte: "Ich bin zutiefst enttäuscht über diese Entscheidung. Nach vier Jahren intensiven Verhandlungen hatten wir eine Lösung gefunden, die alle großen Gemeinschaften akzeptierten. Sie wurde von den jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt begrüßt. Diese Entscheidung wird unsere Arbeit, Israel und die jüdische Welt enger zusammenzubringen, weitaus schwieriger gestalten."

Aufhorchen ließ mich aber auch eine Wortmeldung von Rabbiner Lior Bar-Ami, dem Rabbiner der Wiener Reformgemeinde Or Chadasch. Abgesehen davon, dass er die Entscheidung der israelischen Regierung als sehr bedauernswert bezeichnete und als feige, nicht zu seinen Versprechen zu stehen, ärgerte sich der Rabbiner auch darüber, dass die Mehrzahl der Medienberichte, die zu dem Thema erschienen, den egalitären Abschnitt an der Kotel so darstellten, als ob dieser lediglich eine für das US-Judentum wichtige Frage wäre. "Wir, die europäischen liberalen jüdischen Gemeinden, und jene in Australien, Afrika und anderen Teilen der Welt stellen zwar nur einen kleinen Prozentsatz des progressiven Judentums weltweit. Aber wir existieren. Und die Entscheidung der israelischen Regierung, den Kotel-Plan einzufrieren, richtet sich genauso gegen uns wie gegen unsere US-amerikanischen Brüder und Schwestern", so Bar-Ami in einem Statement.