So weit, so klar. Aber anschließend reflektierte der Rabbiner auch, warum das so sei. Und stellte die Frage, ob dieser Umstand nur darauf zurückzuführen sei, weil es in den USA eben weltweit die meisten liberalen Jüdinnen und Juden gibt. "Vielleicht ist das auch so, weil wir als europäische und andere progressive Juden uns nicht so laut zu Wort melden und nicht so prominent für unsere liberalen jüdischen Werte eintreten wie dies unser US-Gegenüber tut. Wir europäische liberale Rabbinerinnen und Rabbiner waren nicht so präsent wie US-Kolleginnen und -Kollegen im Fernsehen, in Zeitungen und im Radio, als es darum ging, für Toleranz und Offenheit einzutreten, als die ersten Flüchtlinge an unseren Küsten ankamen. Nur wenige von uns sprechen sich für Geschlechtergerechtigkeit aus oder für das Recht zu heiraten auch für LGBT Menschen. Erheben wir unsere Stimme laut genug gegen Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit?"

Lauter für progressive jüdische Werte eintreten

Fazit von Rabbiner Bar-Ami: "Wir müssen uns als liberale Rabbiner aus Europa und von anderswo Gehör verschaffen und aufstehen, wenn unsere progressiven jüdischen Werte in Gefahr sind. Und wir müssen jetzt, da der Kotel-Plan eingefroren wurde, uns lauter hörbar machen." Das machte der Rabbiner auch. Das nunmehrige Nein zu einem egalitären Abschnitt an der Kotel sei ein Schag ins Gesicht all jener, die sich hier Jahre lang engagiert hätten, meinte er, "und ein Schlag ins Gesicht der Juden in der Diaspora sowie des weltweiten progressiven Judentums". Bar-Ami wurde erst dieses Frühjahr als Nachfolger von Rabbiner Walter Rothschild von der Gemeinde Or Chadasch inauguriert. Rothschild war vor allem für seinen Humor bekannt. Bar-Ami ist dabei, sein Profil als Kämpfer für liberale jüdische Werte und das gelebte Miteinander nicht nur verschiedener Gruppierungen des Judentums, sondern auch der verschiedenen Religionen, zu schärfen.