Wer hinschauen will, der findet die Spuren der Vergangenheit. Tafel an der Leopoldskirche im zweiten Bezirk. - © Alexia Weiss
Wer hinschauen will, der findet die Spuren der Vergangenheit. Tafel an der Leopoldskirche im zweiten Bezirk. - © Alexia Weiss

Antisemitismus. Ja, schon wieder Antisemitismus. Wie oft habe ich in den vergangenen Monaten gehört: gibt es kein anderes Thema? Ein bisschen habe ich das Gefühl, es ist wie mit dem Holocaust, dann um 2000 den Entschädigungsverhandlungen. Der Ruf nach dem Schlussstrich. Das gilt auch für den Antisemitismus. Was wird einem dann so alles serviert? Es gab ihn und er ist überwunden, und wenn es ihn gibt, dann ist er importiert, und ja, es gibt auch ein paar Ewiggestrige, aber die sind ja nicht mehr gefährlich. Und wenn die Juden dennoch nicht aufhören, Antisemitismus anzuprangern, dann wollen sie damit nur etwas erreichen, dann erpressen sie – und wenn man das nun analysiert, würde man erst wieder zum Ergebnis kommen: auch das ist Antisemitismus. Es scheint, als wäre es noch ein langer Weg bis es einen normalen, unbelasteten Umgang zwischen Juden und Nichtjuden gibt.

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte, um aufzuzeigen, warum Juden heute sehr hellhörig sind, wenn es um Antisemitismus geht. Die Schoa, ja, die hat sich in den jüdischen Gemeinden kollektiv eingebrannt. Da gibt es die Betroffenheit in den eigenen Familien. Da gibt es aber auch das Bewusstsein, dass man sich nicht noch einmal ohne Gegenwehr zur Schlachtbank führen lässt. Dazu gehört auch, die Zeichen rechtzeitig zu deuten. Und zwar alle Zeichen: die antisemitischen Rülpser von rechts ebenso wie Judenfeindliches, das von links oder Muslimen verbreitet wird, oft unter dem Deckmäntelchen der Israel-Kritik. Oder unter dem Etikett "Solidarität mit Palästinensern".

Drei ausgelöschte Wiener jüdische Gemeinden

Aber um diesen Teil der Geschichte geht es mir heute gar nicht. Man sollte sich bewusst machen, dass der Holocaust ja nicht im luftleeren Raum entstand. Und da meine ich nun nicht nur beispielsweise den Antisemitismus des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger. Der Antisemitismus hat eine wesentlich längere Tradition. Wer aufmerksam durch Wien geht, dem fallen noch andere Hinweise auf. Sehr klare Hinweise eigentlich, die dokumentieren, warum es in Wien derzeit die vierte jüdische Gemeinde gibt. Die vierte. Drei hat man ausgelöscht. Das Auslöschen hat hier also Tradition. Wie soll man da nicht hellhörig bleiben? Nicht warnen? Jeglicher Judenfeindlichkeit, der man begegnet, sofort das Wasser abgraben wollen?

Station eins: die Leopoldstadt. In der Großen Pfarrgasse befindet sich heute die Leopoldskirche. Sie wurde dort erbaut, wo früher eine Synagoge stand – und das ganz bewusst. Die Neue Synagoge war Teil der zweiten Wiener jüdischen Gemeinde im Ghetto im Unteren Werd. Als Kaiser Leopold I. die Juden 1670 vertreiben ließ, ordnete er an, dass an Stelle der Synagoge eine Kirche zu errichten ist. Er legte noch im selben Jahr persönlich den Grundstein und die Kirche ist bis heute nach ihm benannt – so wie auch der zweite Bezirk. Davon informiert auch eine Tafel, die an der Pfarre angebracht wurde: "Kaiser Leopold I. ließ die jüdischen Wiener/innen 1670 vertreiben und hier statt der Synagoge eine Pfarrkirche errichten."