Braune Ausritte dieser Art waren bisher nur von freiheitlichen Politikern und Politikerinnen bekannt geworden. Das Erstaunen war also doch recht groß, dass das auch in ÖVP-Kreisen passiert. Der laufende Nationalratswahlkampf zeigt allerdings, dass insgesamt zwischen blauen und türkisen Positionen nicht mehr viel um und auf ist. Das Prinzip des "Wir gegen die anderen" – im jüngsten Buch von Nina Horaczek und Walter Ötsch, betitelt "Populismus für Anfänger: Anleitung zur Volksverführung", wunderbar seziert - findet man da wie dort. Muslimen-Bashing scheint en vogue und Kurz schreckte auch nicht davor zurück, einen Vergleich anzustellen, bei dem er bewusst Äpfel mit Birnen vermischte: er rechnete die Summe, die eine mehrköpfige Flüchtlingsfamilie erhält gegen den Pensionsbezug eines österreichischen Mannes auf und verwies darauf, dass letzterer in das Sozialsystem eingezahlt habe, die Familie aber nicht. Rhetorik dieser Art war man bisher nur von den Freiheitlichen gewohnt. Genau so funktioniert das Prinzip "Wir gegen die anderen".

Viel Unterstützung für Kurz

Kurz erfreut sich nichtsdestotrotz in Teilen der jüdischen Gemeinde weiterhin großer Beliebtheit. Er wird aber nicht nur von vielen gewählt, sondern im laufenden Wahlkampf auch tatkräftig unterstützt: Georg Muzicant, Sohn des Ehrenpräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Ariel Muzicant, und seine Frau gehören zu den Wahlkampfspendern der ÖVP. Und mit dem Wiener Psychoanalytiker und Unternehmer Martin Engelberg gibt es auch einen jüdischen Kandidaten an wählbarer Stelle. Engelberg war in den vergangenen Jahren mit seiner Liste "Chaj" mit drei von 24 Mandaten im Vorstand der IKG Wien vertreten. Seine Frau Danielle Spera leitet das Jüdische Museum der Stadt Wien.

In einer Demokratie gilt natürlich: jeder darf sich engagieren, wofür er oder sie will, und wer welche Partei wählt, bleibt jedem selbst überlassen. Was die FPÖ anbelangt, gab es allerdings bisher den breiten Konsens innerhalb der Community, dass hier nicht angestreift wird (auch wenn im Bundespräsidentschaftswahlkampf durchaus Thema war, dass einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde sich für den blauen Kandidaten Norbert Hofer entschieden – das vorrangige Motiv: die Angst vor muslimischem Antisemitismus). Wer sich aktuell die Positionen der ÖVP ansieht, erkennt große Überschneidungen mit der FPÖ. Zum Einen. Andererseits gibt es keinerlei Berührungsängste der Türkisen, nach der kommenden Nationalratswahl eine Koalition mit den Freiheitlichen einzugehen. Wer sich also für Kurz entscheidet, wählt höchstwahrscheinlich die FPÖ mit. Macht es aber Sinn, als Jude, als Jüdin, solch einen Kurs zu unterstützen?

Ja, beide – ÖVP und FPÖ – betonen inzwischen die christlich-jüdischen Wurzeln Europas. Bei der FPÖ wird diese Haltung immer wieder durch antisemitische Ausritte von Funktionären (Stichwort: Einzelfälle) konterkariert. Und die ÖVP beteiligt sich inzwischen an dem Spiel, Gruppen gegeneinander auszuspielen. Juden mögen davon vordergründig nicht betroffen sein. Die Frage ist nur: wo führt das hin? Wo führt es hin, wenn es im Alltag zunehmend zum Problem wird, einen ausländischen Namen zu tragen? Auch viele Wiener Juden und Jüdinnen führen, da sie oder ihre Familien in den vergangenen Jahrzehnten aus Zentralasien nach Österreich eingewandert sind, Namen, die nicht Deutsch und auch nicht europäisch klingen.