Es braucht Solidarität

Vor allem aber: was passiert mit einer Gesellschaft, die zunehmend auseinanderdividiert wird, in der sich Gräben auftun? Wenn von der Politik Vorurteile, zum Beispiel gegen Muslime (Integrationsbereitschaft!) geschürt werden, dann hat das nach und nach Auswirkungen im Alltag. Dann fühlen sich Einzelne ermächtigt, andere offen zu diskriminieren, auszugrenzen, vielleicht sogar tätlich anzugreifen. Am Ende wird jeder ausgegrenzt, der nicht dem österreichischen Mainstream entspricht, egal, ob es sich dann um eine Frau mit Kopftuch oder einen Mann mit Kippa handelt. Das einzige, was eine Gesellschaft zusammenhalten kann, ist Solidarität und eine gelebte Kultur des Miteinander.

Was kommt in persönlichen Gesprächen sofort als Gegenargument, wenn ich die ÖVP-Problematik anspreche? Die SPÖ schließe eine Zusammenarbeit mit der FPÖ auch nicht dezidiert aus (wenngleich hier Bundeskanzler Christian Kern zuletzt ziemlich klar machte, dass es mit ihm wohl keine solche Koalition geben werde). Und dann das Stammtischvideo. Ja: ich halte beides für problematisch. Das Video erhebt vor allem die unreflektierten Vorurteile einer Österreicherin zum Maß der Dinge, an dem sich Politik zu orientieren hat. Das ist der verkehrte Weg. Wenn man sich darauf einlässt, Ängsten zu begegnen, die auf stereotypen Vorurteilen basieren, dann ist man selbst schon wieder ein Stückchen in Richtung spaltender Tendenzen abgedriftet.

Der Stammtisch

Was bei dem Video aber vor allem verwunderte: "Wir san römisch-katholisch oder evangelisch, a paar freie Christen san oft no, aber des Andere, das wü i alles net", sagt die Frau am Stammtisch. Kern entgegnet, dass der Islam in Österreich bereits seit 1912 gesetzlich verankert ist. Es gibt allerdings noch andere Religionsgemeinschaften. Wie etwa die jüdische. Da wird allseits das christlich-jüdische Europa bemüht. Und in dieser Situation fällt das dem Kanzler nicht ein? Die Dame, die in einer ländlichen Region lebt, kennt offenbar Zeit ihres Lebens keine Juden und Jüdinnen. Kein Wunder, man hat ja versucht, sie zwischen 1938 und 1945 völlig zu vertreiben und zu ermorden. Menschen wie dieser Frau gehört einmal detailliert die Welt erklärt, bevor man sich auf ihre Sorgen einlässt. Die Vorstellung, dass in Österreich nur Christen zu leben haben, die war schon vor 100 Jahren überholt. Auch da kann ich nicht mit.

Es sind schwierige Zeiten, auf die wir da zugehen, und wenn man sich das ganze mit ein bisschen Abstand ansieht, fragt man sich: warum eigentlich? Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Lebensqualität ist gut, die Finanzkrise liegt hinter uns. Ja, es gibt Verbesserungsbedarf, im Schulsystem beispielsweise, im Gesundheitssystem, die Integrationsarbeit gehört verstärkt (das wäre die Aufgabe der öffentlichen Hand, hier etwa noch mehr Deutschkurse anzubieten, bei der Nostrifizierung und dem Nachholen von Bildungsabschlüssen behilflich zu sein, anstatt Ressentiments zu schüren), der Umweltschutz ist Thema (Klimawandel) oder aber auch die Lebensmittelsicherheit. Aber grundsätzlich geht es uns doch gut. Warum das ständige Befeuern des "Wir gegen die anderen" dennoch auf fruchtbaren Boden fällt? Die Neidgesellschaft zeigt ihre bösen Krallen. Diese nicht zu bedienen, das wäre allerdings die Aufgabe von Politik. Leichter ist der Stimmengewinn aber mit Spalten und Gegeneinanderausspielen. Am Ende fällt uns das allerdings allen auf den Kopf.