Diese Einträge offenbaren so viel. Juden leben seit Jahrhunderten in Österreich (mit bitteren Zäsuren), der Islam ist seit 1912 gesetzlich hier zu Lande verankert, doch im Grund spielt es auch keine Rolle, wie lange in Österreich eine Religion anerkannt ist. Es herrscht Religionsfreiheit und natürlich ist auch ein Jude, ein Muslim, ein Buddhist mit österreichischer Staatsbürgerschaft ein Österreicher. Dieses Denken, dass, wer hier lebt, eigentlich Christ zu sein hat, das haben Politiker wie Kern und Kurz schon lange durchbrochen. Selbst FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beschwört seit einiger Zeit die christlich-jüdischen Werte (für Neujahrswünsche auf der mit Abstand Posting-reichsten Facebook-Seite eines Parteichefs reichte es aber dann doch nicht).

Völlig anders verhält es sich mit dem Islam: hier wird im Moment seitens mancher Politiker eine scharfe Abgrenzung vorgenommen. Vielleicht lässt sich so auch begründen, warum es tatsächlich keine Glückwünsche zum muslimischen Neujahr auf die Facebook-Auftritte heimischer Spitzenpolitiker schaffte – schließlich herrscht Wahlkampf, das Thema ist heikel. Zu Ramadan nahm Kern allerdings an einem Fastenbrechen teil und im islamischen Fastenmonat gab es auch seitens anderer Politiker und Politikerinnen öffentliche Grußbotschaften.

Sich der Realität stellen

Normalität im Zusammenleben ist erst erreicht, wenn es eben gang und gäbe ist, zu jeglichen Festivitäten zu gratulieren, ohne dass dies zu herabwürdigenden Reaktionen führt. Davon entfernen wir uns immer mehr. Ich habe den Eindruck, wir waren schon viel weiter. Es ist nicht so, dass die offene Gesellschaft in Gefahr ist, denn sie wird weiterhin von einer starken Zivilgesellschaft getragen. Die Stimmen derer, die sich gegen diese offene Gesellschaft aussprechen, werden aber immer lauter. Das Thema polarisiert.

Hat das mit den Möglichkeiten zu tun, welche die sozialen Netzwerke eröffnen, die jedem, der meint, etwas sagen zu müssen, eine Plattform bieten? Hat das mit der Angst vor islamistischem Terror zu tun? Mit der Sorge, es kämen zu viele Fremde ins Land? Mit der Reaktion mancher politischer Parteien auf diese Befürchtungen? Wirkt der laufende Nationalratswahlkampf als Katalysator? Und warum wirken hier klare Aufrufe wie jener des Bundeskanzlers nicht?

Eine kürzlich veröffentlichte Statistik zeigte, dass es an Wiener Pflichtschulen (also Volks- und Neuen Mittelschulen) inzwischen mehr muslimische als christliche Schüler gibt, wobei auch die Gruppe der konfessionslosen Kinder und Jugendlichen groß ist. Dass hier die Allgemeinbildenden Höheren Schulen nicht einbezogen wurden, verzerrt das Bild enorm. Dennoch ist es Zeit, sich der Realität zu stellen. Je rascher man sich auf die Wirklichkeit einstellt, desto besser kommt man auch in ihr zurecht. In diesem Sinn: Schana tova! Auf ein gutes neues Jahr!