Der Listenerste des Vereins Bucharischer Juden (VBJ), Chanan Babacsayv, derzeit IKG-Vizepräsident, erinnerte an den Status Quo: Laut geltendem Kultusratsbeschluss gibt es keine offiziellen Beziehungen zwischen IKG und FPÖ. Die kommenden Jahren würden nicht einfach werden, wichtig sei, dass die IKG hier eine gemeinsame Linie nach außen vertrete. Dezoni Dawaraschwili von den Georgischen Juden und ebenfalls IKG-Vizepräsident, warnte davor, dass die FPÖ sich nun gerne durch die Kultusgemeinde kaschern lassen würde. Das sei "sehr bedenklich", hier müsse man aufpassen.

Deutsch betonte, es brauche auch weiterhin eine klare distanzierte Haltung gegenüber der FPÖ. Er verwies auf die Zeit von Schwarz-Blau zur Jahrtausendwende – auch damals habe man Lösungen gefunden. So sei seitens der Kultusgemeinde mit FPÖ-geführten Ministerien nicht mit den Ministern und Ministerinnen, sondern auf Beamtenebene verhandelt worden.

Kritik an Martin Engelberg, Gründer der Liste Chaj, der sich aber inzwischen aus der jüdischen Gemeindepolitik zurückgezogen hat, da er bei der vergangenen Nationalratswahl ein ÖVP-Mandat errang, übte Robert Sperling von der Liste Der Bund sozialdemokratischer Juden – Avoda. Jemand anders würde sich unter diesen Umständen, also einer Koalition von ÖVP und FPÖ, überlegen, dieses Mandat vielleicht nicht anzunehmen.

Antisemitismus im Alltag

"Die FPÖ-Regierungsbeteiligung stellt mir alle Haare auf", betonte Reuven Rennert, Sprecher der orthodoxen Fraktion Khal Israel. Auch seine Fraktion unterstütze die Teilnahme an der Lichterkette am 15. November, wobei er anmerkte, gerade als orthodox sichtbare Juden seien quasi jeden Tag bei ihrer ganz persönlichen Demonstration. Er verwies auf die Dokumentation von Antisemitismus durch das Forum gegen Antisemitismus und beklagte ein Ansteigen von antisemitischen Anfeindungen im Alltag eben gerade für Menschen, die als Juden erkennbar sind. Auch Yaacov Frenkel, der für die Liste Kehille (Jiddisch: Gemeinde) antritt, bekräftigte: Kundgebungen wie jene kommende Woche am Ballhausplatz seien "so notwendig".

Einhelliger Tenor in dieser Runde: Das genaue Procedere, wie man sich gegenüber den künftigen FPÖ-Ministern und –Ministerinnen positioniert, wird vom nächsten Kultusvorstand zu beschließen sein. Die grobe Linie ist aber schon jetzt klar: Alle Fraktionen, die sich nun der Wahl stellen, sehen es als problematisch, dass Burschenschafter nun an den Spitzen von Ministerien stehen. Man will sich weder vereinnahmen lassen noch dazu beitragen, die FPÖ zu kaschern, also reinzuwaschen. Den Publikumsreaktionen zu Folge – das Gemeindezentrum war bis zum letzten Platz gefüllt – entspricht das auch der Erwartung der meisten Wiener Jüdinnen und Juden.