Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Das Gedenkjahr 2018 wirft seine Schatten voraus. 100 Jahre Erste Republik. 80 Jahre seit Beginn des nationalsozialistischen Terrorregimes in Österreich. Wenn man mit Familien spricht, deren Vorfahren 1938 aus Wien geflüchtet sind, kommt immer wieder die Aussage: Die Großeltern, die Urgroßeltern waren assimiliert. Sie waren hier gut integriert. Sie dachten nicht, dass auch sie durch die Nationalsozialisten bedroht würden. Die Novemberpogrome 1938 machten klar: Falsch gedacht. Inzwischen war es aber schon schwieriger geworden, zu flüchten. Jeder Tag länger, den man vor einer Botschaft anstand, um ein Visum für irgendwo zu bekommen, brachte einen dem Tod ein Stückchen näher. Nur dass man das so in diesem Moment nicht erfassen konnte. Es gibt Dinge, die rollen sich erst mit dem Blick in die Vergangenheit auf.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zu flüchten? Diese Frage beschäftigt nicht nur in der historischen Perspektive. Laut Vereinten Nationen sind aktuell weltweit mehr als 65 Millionen auf der Flucht. Vielen der Geflüchteten wird heute, auch immer wieder offen von Politikern und Politikerinnen so artikuliert, vorgeworfen, keinen tatsächlichen Fluchtgrund zu haben – sie seien "nur" Wirtschaftsflüchtlinge. Bevor die Nationalsozialisten begannen, Juden systematisch zu ermorden, nahmen sie ihnen ihre Existenzgrundlage, indem sie ihnen verunmöglichten, zu arbeiten, zu studieren, in die Schule zu gehen, indem sie ihre Geschäfte zerstörten, ihren Besitz "arisierten".

Waren Jüdinnen und Juden zu Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme auch "nur" Wirtschaftsflüchtlinge? Das würde im historischen Rückblick jeder verneinen. Wäre es auch in der damaligen Gegenwart so gesehen worden, hätten sich hoffentlich nicht so viele Ländern so zögerlich gezeigt, verfolgte Jüdinnen und Juden aufzunehmen. Wie viele Menschenleben hätten dadurch gerettet werden können?

Auschwitz war nicht der Beginn

Dazu kam: Der Holocaust begann nicht mit Auschwitz. Die Schoa nahm ihren Anfang weit früher. Sie nahm ihren Anfang in der antisemitischen Rhetorik eines Karl Lueger. Sie nahm ihren Anfang mit der judenfeindlichen Stimmung, die von der katholischen Kirche geschürt wurde. Sie nahm ihren Anfang mit dem antisemitischen Geist, den Burschenschafter an den Unis verbreiteten. Sie nahm ihren Anfang mit Rassentheorien, die Menschen in edlere und unedlere einteilte.