"An End to Anti-Semitism!": So lautet der Titel einer internationalen Antisemitismus-Konferenz, die von 18. bis 22. Februar 2018 vom European Jewish Congress, der Universität Wien, der New York University und der Tel Aviv University in Wien abgehalten wird. Das Ziel: An die 150 Experten und Expertinnen sollen einen Empfehlungskatalog erstellen, wie Antisemitismus konkret bekämpft, aber auch wie er präventiv verhindert werden kann.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Was für ein Handlungsauftrag. Und ja: Den Antisemitismus zum Verschwinden zu bringen, wäre die Verwirklichung einer wunderbaren Utopie. Klingt pessimistisch? Stimmt. Ich bin dafür, alles zu versuchen, um Judenfeindlichkeit ein für alle Mal der Vergangenheit zuschreiben zu können. Jeder neue Anlauf ist willkommen, jede Initiative ist unterstützenswert. Vielleicht kann ein bisschen etwas erreicht werden,  vielleicht ist zumindest ein Eindämmen von Antisemitismus möglich. Aber den judenfeindlichen Ungeist gänzlich ausrotten? Ich halte es für eine nahezu unmöglich zu leistende Mammutaufgabe.

Was wohl tut: Die Konferenz wird Differenzierung bringen. Beleuchtet werden soll laut Programm die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Moderne und seine Reflexion in Christentum und Islam. Aber nicht nur Historiker und Theologen sind am Wort. Einbezogen werden auch die Fachrichtungen Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Medienwissenschaft.

Differenzierung nötig

Und Differenzierung ist etwas, was dieses Thema dringend benötigt. Aktuell gibt es hier eine Schwarz-Weiß-Malerei, je nachdem welcher Gruppe der Diskutant angehört. Die einen meinen: Die größte Bedrohung gehe vom islamischen Antisemitismus aus. Die anderen kontern: Der Antisemitismus von linker Seite sei auch nicht von schlechten Eltern. Die Wahrheit liegt wohl wie immer in der Mitte. Wobei hier zu Lande vor allem der Antisemitismus von recht(sextrem)er Seite immer wieder hochpoppt. Und nein, das ist nicht nur gefühlt so. Seit Jahren steigt in Österreich die Zahl der Verurteilungen nach dem Verbotsgesetz. 2014 waren es 53, 2015 79 und im Vorjahr 83.

Genau daher finde ich Sager wie jenen, mit dem die deutsche Modeikone Karl Lagerfeld kürzlich von sich reden machte, mehr als entbehrlich. "Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen", wurde Lagerfeld in deutschen Medien zitiert. Lassen wir einmal beiseite, dass Menschen, die flüchten, nicht geholt werden, sondern einen sicheren Lebensort suchen, dass es ein Asylrecht gibt, das Menschen genau das zusichert: Sich in Sicherheit zu bringen. Was Lagerfeld damit ziemlich plump sagt: Flüchtlinge sind mehrheitlich muslimisch und Muslime sind alle Antisemiten.

Pauschalisierungen wie diese sind niemals hilfreich. Ja, in einigen Ländern werden Menschen von klein auf antisemitisch indoktriniert, hier wird Syrien oft als Beispiel genannt oder der Iran. Was aber nicht heißt, dass alle Syrer glühende Antisemiten sind. Es heißt, Achtung, hier könnte es ein Problem geben und bitte, Bewusstseinsarbeit wäre gut. Prävention eben. Aber keine Vorverurteilung von jedem Muslimen, jedem Flüchtling.

Abgesehen davon habe ich inzwischen das Gefühl, dass der Antisemitismus von muslimischer Seite jenen, die sich hierorts noch immer nicht vom – sagen wir – traditionellen Antisemitismus gelöst haben, durchaus willkommen ist. Das lenkt einerseits von der eigenen Unzulänglichkeit ab und, mehr noch, weist dem Antisemitismus "der anderen" eine größere Bedrohung zu.

Antisemitismus im Netz

Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, hat sich während der laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ in einem Offenen Brief zu Wort gemeldet und festgehalten, dass Deutschnationale nichts in einer Regierung verloren hätten. Ein antisemitischer Shitstorm im Netz war die Folge.

Ich bezweifle, dass Statements wie "Ständig Ängste schüren und hetzen! Beim Silberstein ins Seminar gegangen?" oder "Das ist mir aber sowas von egal. Deswegen richte ich ihm auch in einem offenen Forum aus, dass er sich zu seinen Israeliten schleichen soll" (beide aus dem Forum der "Presse") oder "Die Juden haben immer schon Hass geschürt. Die ziehen auf der ganzen Welt die Fäden" oder "Da kommen sie hervorgekrochen, die Abkassierer, Geschäftemacher und Arschkriecher, die in Österreich noch nie Steuern gezahlt haben und glauben, sie müssen sich überall mit ihrem Sprechdurchfall einmischen! Wenn es das österreichische Volk so will, dann hast du Pause! Kümmere dich um deine ‚Geschäfte’ und sei still!" (Postings auf der Facebook-Seite von vienna.at) von muslimischen Geflüchteten formuliert wurden. Kann ich nun allen Österreichern unterstellen, antisemitisch zu sein? Nein.

Was aber gerade angesichts der Möglichkeiten, die das Internet, Foren, soziale Medien heute bieten, nämlich dass jeder, der zu etwas seine Meinung kundtun möchte, dies auch ohne Filter tun kann, offensichtlich wird: All die Aufklärungsarbeit, all die Erinnerungsprojekte, das Bemühen um political correctness und die Vermittlung von Toleranz konnten den – salopp gesagt – hiesigen Antisemitismus nicht völlig beseitigen. Er feiert auf gut Wienerisch fröhliche Urständ. Es sei hier auch nochmals an den Antisemitismus in Facebook- und WhatsApp-Gruppen von Studierendenvertretern am Juridicum der Universität Wien ("AGLeaks") erinnert. Dazu kommt der Antisemitismus, der sich als Israel-Kritik kaschiert. Jede Ausformung ist ein Problem und jede Variante gilt es zu bekämpfen. Aber bitte ohne Pauschalverurteilungen.