Gedenkkultur zwischen Erinnerung und dem Brückenschlag ins heute: Darf sich die Weitergabe des Wissens um das Grauen von gestern genau darauf beschränken oder muss es Maßnahmen in der Gegenwart implizieren, die Ähnliches im Jetzt vermeiden, verhindern?

Gedenktafel an einem Haus in der Leopoldstadt. Wird das Gedenken an NS-Opfer geschmälert, wenn daraus der Auftrag abgeleitet wird, heute Menschen in Not zu helfen? - © Alexia Weiss
Gedenktafel an einem Haus in der Leopoldstadt. Wird das Gedenken an NS-Opfer geschmälert, wenn daraus der Auftrag abgeleitet wird, heute Menschen in Not zu helfen? - © Alexia Weiss

"(Un)Rühmliche Opfer? Die Paradigmen der europäischen Gedächtnispolitik auf dem Prüfstand" ist das Thema der diese Woche in Wien stattfindenden Simon Wiesenthal Konferenz. Der Zeithistoriker Dirk Rupnow von der Universität Innsbruck befasste sich dabei zu Wochenbeginn mit "Holocaust-Erinnerung im Zeitalter des Trumpismus". Im Ö1-"Mittagsjournal" meinte er dazu am Montag, mit dem Gedenken werde immer noch Politik gemacht. Früher seien dies Verdrängung und Verleugnung gewesen, heute werde das Gedenken in Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingspolitik gebracht.

"Es gibt die einen, die Erinnerung an den Holocaust benutzen, um gewissermaßen Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen heute einzuklagen. Und die anderen argumentieren, die Flüchtlinge sind alle Antisemiten, warum lassen wir die alle nach Europa hinein", so Rupnow.

Dieser Befund stimmt. Allerdings stelle ich mir die Frage: Ist es nicht Aufgabe der Politik, aus der Geschichte zu lernen? Ist nicht die ganze Konstruktion der EU eine Antwort auf die Wirren des Zweiten Weltkriegs? Sind nicht die Menschenrechtskonvention, das Asylrecht Antworten auf die verschlossenen Grenzen, auf die verfolgte Jüdinnen und Juden in der Zeit des NS-Terrors stießen?

Und ja, ist es daher nun nicht legitim, auf die Umstände zu verweisen, unter denen Menschen in den 1930er und 1940er Jahren geflüchtet sind, und darauf, dass diese den Rahmenbedingungen ähneln, denen Menschen heute ausgesetzt sind, wenn sie ihre Heimat wegen Terror und Verfolgung verlassen?

Leid kann nicht aufgerechnet werden

Ein Funken dieses Bewusstseins blitzte 2015 bei den Regierenden auf, zumindest in manchen europäischen Staaten von Deutschland bis Schweden. Inzwischen ist es vor allem die Zivilgesellschaft, sind es NGOs, die diesen Bezug herstellen. Sie tun es nicht, um die aktuelle Lage in Syrien oder Afghanistan mit dem Holocaust zu vergleichen. Leid kann nicht verglichen und auch nicht aufgerechnet werden. Und die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten war wohl einzigartig (was andere Genozide in ihrer Auswirkung auf die Betroffenen allerdings nicht kleiner, nicht weniger schrecklich macht).

Sie stellen diesen Bezug her, um darauf aufmerksam zu machen, dass es in der Hand der Menschen, in unserer Hand liegt, Menschenleben zu retten. Und die, die konkret durch entsprechende Beschlüsse und Maßnahmen beitragen können, Menschenleben zu schützen und zu retten, sind Politiker und Politikerinnen.

Die Simon Wiesenthal Konferenz zeichnete diese Woche auch den Wandel der europäischen Gedächtnispolitik nach: In der Nachkriegszeit stand die Erzählung des Widerstands im Mittelpunkt, der Paradigmenwechsel hin zur Anerkennung "unpolitischer Opfer" fand erst Jahrzehnte später statt. Nichtsdestotrotz spielt Widerstand, spielen aber auch die kleinen Tricks und Finten, mit denen Verfolgte am Ende ihr Leben retteten oder es schafften, sich eine neue Existenz aufzubauen, bis heute eine große Rolle, wenn es um die Erinnerungen von Opfern des NS-Terrors, aber eben auch jener, die sich gegen das Regime stellten, geht.

Was bedeutet "niemals wieder"?

Menschen, die andere retteten, wurden als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Widerstandskämpfern wird heute Respekt erwiesen, Bücher erzählen von ihrem Tun, Filme zeichnen ihr Wirken von damals nach. So mancher, der versuchte das Richtige zu tun, bezahlte mit seinem Leben. Die Widerstandkämpfer von damals, aber auch die Opfer, die dem Tod entkommen konnten, sie sind heute für viele Menschen Helden. Für ihre Familien sowieso, aber auch für viele, die ihre Geschichten hören und lesen. Nicht selten wird genau aus diesen Erzählungen das "niemals wieder" abgeleitet.

Für mich bedeutet das "niemals wieder", nicht wegzuschauen, wenn Menschen in Not sind. Für mich bedeutet das "niemals wieder" nicht, nur darauf zu schauen, dass es keinen Hass gegen Jüdinnen und Juden gibt und vor allem, dass sich dieser nicht mehr in Gewalt, in tödlicher Bedrohung entlädt. Dafür zu sorgen, ist wichtig. Dafür zu sorgen, ist essenziell. Es ist aber grundsätzlich ein Gebot der Stunde, darauf zu schauen, dass Menschenrechte eingehalten werden und dass Männer, Frauen, Kinder, die verfolgt und bedroht sind, einen sicheren Hafen finden können. Für Millionen von Menschen auf der Welt gibt es derzeit einen solchen sicheren Hafen allerdings nicht.

Wenn NGOs, wenn Vertreter und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft darauf pochen, dass es andere Rahmenbedingungen braucht, um nicht weiter Tag für Tag Menschen sterben zu sehen, dann heißt das nicht, dass man all diese Verfolgten nach Europa holt (das wiederum wird als Totschlagargument der Gegner der so genannten "Willkommenspolitik" verwendet). Die, die sich bis hierher durchschlagen konnten und die Gründe für ihre Flucht darlegen können, wieder zurückzuschicken, geht allerdings nicht. Vor allem aber muss versucht werden, in den betroffenen Regionen für Frieden zu sorgen und wenn das nicht möglich ist, in geographischer Nähe Orte so zu gestalten, dass Menschen dort in Sicherheit leben und sich auch eine neue Existenz aufbauen können.

Das bedeutet zunächst, für eine menschenwürdige Unterkunft und das Nötigste, wie Nahrung, Kleidung, medizinische Betreuung zu sorgen. Das bedeutet in einem nächsten Schritt, Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen und Erwachsenen Arbeitsmöglichkeiten einzuräumen. Alleine können das die Nachbarländer von Krisenregionen allerdings nicht stemmen. Anstatt also den Fokus auf die Flüchtlingsabwehr zu legen, wie dies Europa derzeit tut, sollte es Maßnahmen zur Hilfe vor Ort geben. Langfristig wird auch die Produktion von Gütern auf einer globalen Ebene zu hinterfragen sein (Umgang mit Rohstoffen – Stichwort: Wasser, Umgang mit Müll – Stichwort: Export von Elektroschrott nach Afrika, Entlohnung von Arbeit – Stichwort: Produktion von Textilien in Pakistan).

All das ist/wäre Aufgabe der Politik. Und wenn der Impuls dazu aus der Erinnerung an den Holocaust kommt, dann bitte sehr. Es schmälert das Gedenken an die Opfer der Schoa nicht, wenn heute anderen Menschen in Not geholfen wird.