Das Gedenkjahr 1938/2018 wirft seine Schatten voraus und ich versinke in der Lektüre einschlägiger Texte, in Gesprächen mit noch lebenden Zeitzeugen oder ihren Nachfahren. Dabei gibt es die immer wiederkehrenden Momente: Das Nicht-glauben-Wollen, dass es einen auch treffen könnte. Damals. Weil man im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und verwundet worden war, weil man ohnehin ein assimiliertes Leben führte, weil man getauft war. Oder: Das Bis-heute-nicht-begreifen-Können des organisierten Tötens von Menschen, die sich nichts zu Schulden kommen hatten lassen. Deren Jüdisch-Sein oder Behindert-Sein per Gesetz zum Makel, zum Verbrechen gestempelt wurde, sodass am Ende auch 1,5 Millionen Babys, Kinder, Jugendliche ermordet wurden.

Wozu der Mensch fähig ist, das zeigen Berichte von Überlebenden, aber auch von Tätern. In einem Urteil des Landgerichts München aus dem Jahr 1961 ist zum Beispiel Folgendes über die Erschießungen von Männern, Frauen und Kindern durch das Einsatzkommando 8 der Einsatzgruppe B in der damaligen Sowjetunion zu lesen (die Einsatzgruppen A, B, C und D waren Sondereinheiten, die eigens mit der Ermordung von Juden, Roma und Sinti, Kommunisten, geistig und körperlich behinderten Menschen, Partisanen und so genannten Asoziale in Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion betraut wurden).

Blut und Gehirnteile

"Im Laufe des Einsatzes ging man jedoch immer mehr dazu über, die Erschießung durch Gewehrsalven abzustellen und die zur Exekution bestimmten Menschen durch Einzelfeuer aus Maschinenpistolen zu töten. Der Grund hierfür lag einmal darin, dass die Erschießung mittels Gewehrsalven verhältnismäßig lange Zeit in Anspruch nahm, zum anderen, dass die Wirkung der aus kürzester Entfernung abgegebenen Schüsse so heftig war, dass das Erschießungskommando und sonstige an den Aktionen beteiligten Personen von Blut und von Gehirnteilen der Getöteten bespritzt wurden, ein Umstand, der die ohnehin schon außerordentliche seelische Belastung der zu den Hinrichtungskommandos eingeteilten Männer so sehr steigerte, dass häufig Fehlschüsse vorkamen und dadurch eine Verlängerung der Leiden der Opfer eintrat."

Und weiter: "Die Erschießungen mittels Maschinenpistolen gingen in aller Regel so vor sich, dass die zur Durchführung der Hinrichtung ausersehenen Angehörigen des Einsatzkommandos in der Grube an der Reihe der zu erschießenden Personen entlanggingen und ein Opfer nach dem anderen durch Schüsse in den Hinterkopf töteten. Diese Art der Exekution führte allerdings zwangsläufig dazu, dass ein Teil der Opfer, auf den schlecht oder überhaupt nicht abgedeckten Leichen liegend und den sicheren Tod vor Augen, längere Zeit warten mussten, bis sie selbst den Todesschuss erhielten."