Es ist leichter, sich an Einzelne zu erinnern als an sechs Millionen Menschen auf einmal. - © Alexia Weiss
Es ist leichter, sich an Einzelne zu erinnern als an sechs Millionen Menschen auf einmal. - © Alexia Weiss

Heute gäbe es wohl keinen letzten Brief mehr. Heute würde man seine Liebsten anrufen, ein Mail schreiben, noch hastig eine WhatsApp-Nachricht schicken. Wenn man sein Smartphone zur Hand hat. Ja, wenn. Wenn es einem nicht vorher abgenommen wurde, wie auch die Nationalsozialisten jenen, die sie gedachten, zu ermorden, zuvor all ihr Eigentum abgenommen hatten. Briefe durften aber teils offiziell geschrieben werden, teils wurden sie herausgeschmuggelt.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat nun in einer deutschsprachigen Online-Ausstellung unter dem Titel "Lebt wohl, meine Lieben! Letzte Briefe aus dem Holocaust: 1941-1942" erschütternde Nachrichten öffentlich gemacht. Es sind Briefe von Eltern an ihre Kinder, von Ehemännern an ihre Frauen. Es sind Briefe, die ein positives Lebenszeichen sein wollen und die sich im Rückblick umso trister lesen. Es sind aber auch Briefe von Menschen, die wussten, dass dies ihre letzte Nachricht sein würde.

Besonders erschütternd lesen sich die Abschiedszeilen von Fanja Barbakow. Aus einer Grube in Druja im damaligen Polen und heutigen Weißrussland schrieb sie am 16. Juni 1942 an ihre Schwester Chaja und ihren Bruder Manos in ihrem Namen und der anderer Familienangehöriger: "Meine Lieben!! Ich schreibe diesen Brief vor meinem Tod, aber ich weiß nicht den genauen Tag, an dem ich und meine Verwandten getötet werden, nur weil wir Juden sind. All unsere jüdischen Brüder und Schwestern sind ermordet worden und durch Mörderhand eines schändlichen Todes gestorben ... Ich weiß nicht, wer von unserer Familie am Leben bleiben wird und wer die Ehre haben wird, meinen Brief und meinen stolzen Gruß vor dem Tod an alle, die ich liebe und die mir teuer sind, die durch die Hand der Mörder gepeinigt werden, zu lesen."

"Stolz, Jüdin zu sein"

Und weiter: "Wir liegen alle in einer Grube. Ich bin ganz sicher, dass Ihr alle den Ort unseres Begräbnisses erfahren werdet. Mutter und Vater halten es kaum aus. Meine Hand zittert, und es ist schwer, zu Ende zu schreiben. Ich bin stolz, Jüdin zu sein. Ich sterbe um meines Volkes willen. Ich habe niemandem erzählt, dass ich vor unserem Tod einen Brief schreibe. Aber! Wie gern ich leben und etwas Gutes erreichen würde! Aber es ist schon alles verloren ... Lebt wohl. Eure Verwandte Fanja im Namen aller: Vater, Mutter, Sima, Sonja, Susja, Rasia, Chutza (Jecheskel). Und im Namen der kleinen Seldaleh, die noch gar nichts versteht. Druja – im Konzentrationslager, bevor wir alle erschossen werden, im Versteck"