Dabei ist Antisemitismus keine Frage von links oder rechts. Es gibt linke Antisemiten, die sich dann zum Beispiel bei der Israel-Boykott-Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) engagieren (die Plakate zum Bewerben der nächsten "Israeli Apartheid Week Vienna" Anfang März wurden rund um die Uni Wien bereits gesichtet) oder in einer Tour "die israelische Besatzung" anklagen, ohne bei ihrem Blick in die Region beide Seiten zu betrachten, das aber nicht als Antisemitismus, sondern lediglich als Israel-Kritik verstanden wissen wollen. Es gibt Muslime, die mit Judenhass aufgewachsen sind. Und es gibt Rechte, die bis heute Juden als etwas Minderwertiges ansehen. Die "Rassenlehre" der Nazis, in manchen Köpfen hat sie sich bis heute festgesetzt.

Weil es Schlagzeilen macht

Warum nun Antisemitismus in aller Munde ist? Warum jede diesbezüglich befremdliche Äußerung eines irgendwie in der FPÖ Aktiven medial aufgegriffen wird? Ja, weil die FPÖ in der Regierung sitzt. Weil es nun wieder News-Wert hat. Weil das Schlagzeilen macht. Und ja, natürlich gehört das alles dokumentiert. Nur: Dokumentiert wurde es auch vorher schon, bevor ÖVP-Chef Sebastian Kurz die FPÖ zu seinem Koalitionspartner machte. Es lag alles am Tisch und dennoch wurde die FPÖ zur Regierungspartei gemacht. Es lag alles am Tisch und dennoch hat niemand – eben auch nicht die SPÖ – wirklich reinen Tisch gemacht. Im Sinn etwa von: Sich die Burschenschaften einmal wirklich genau anzusehen. Systematisch. Und nicht nur, wenn es wieder einmal einen Anlassfall gab, weil sich etwa die "Olympia" einen besonders illustren Gast auf ihre Bude lud.

Ob es nun gerade die Regierungsbeteiligung ist, welche die FPÖ in ihrer teils unscharfen Abgrenzung gegenüber ganz rechts läutern wird? Es gibt ja auch immer wieder Stimmen, die darauf hinweisen, dass es eine Schwarz-blaue Regierung (plus den Klagsdruck) brauchte, um das NS-Entschädigungspaket zu schnüren. Doch Zahlungen zu beschließen ist das eine, wirklich zu bereuen und mit der Geschichte ins Reine zu kommen, ist etwas anderes. Das Herumlavieren zwischen Das-ist-nicht-akzeptabel-Statements und gleichzeitigen Botschaften, dass gegen Burschenschaften an sich nichts einzuwenden ist, zeigt, dass sich hier nichts wesentlich ändern wird.

In ihrer Oppositionsrolle ruft die SPÖ nun nach einem Rechtsextremismus-Bericht und erstattet Anzeige gegen Metapedia (nachdem u.a. auch ein Eintrag über eine SPÖ-Gemeinderätin erstellt wurde). Das ist gut und wichtig. Ein wesentlich stärkeres Auftreten gegen solche rechtsextremen Umtriebe bereits als Regierungspartei wäre halt fein gewesen. Denn wie hat Ariel Muzicant, heute Vizepräsident des European Jewish Congress und des World Jewish Congress, schon vor einigen Jahren gesagt: Die Stimmung gegen Juden in Europa, sie sei "wie ein Seismograph". Am Ende werde diese Stimmung die ganze Gesellschaft betreffen.