Es reicht. Schon lange – aber nun wird es unerträglich. Während in Wien seit Sonntag internationale Experten und Expertinnen bei der Konferenz "An End to Antisemitism!" darüber beraten, wie Antisemitismus ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden kann, veröffentlichte der "Falter" am Dienstag erneut antisemitische Auszüge aus einem Liederbuch einer Burschenschaft, dieses Mal der Bruna Sudetia. Deren Vorsitzender ist Herwig Götschober, der im Kabinett von Verkehrsminister Norbert Hofer für die social media-Agenden verantwortlich zeichnet. Er ist zudem Bezirksrat der FPÖ Leopoldstadt und in die Organisation des "Akademikerballs" eingebunden.

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Dass auch die Rechte wisse, dass gewisse Dinge heute nicht mehr so gesagt werden könnten, hat mir die Antisemitismusbeauftragte der EU, Katharina von Schnurbein, noch am gestrigen Montag in einem Interview gesagt. Die Kritik funktioniere subtiler. Andere Experten wiesen im Rahmen der Konferenz darauf hin, dass Antisemitismus immer öfter unter dem Mäntelchen von Israel-Kritik daherkomme. Um diese als das zu entlarven, was sie oft ist, nämlich als Anitsemitismus, kann der 3D-Test angewandt werden. Treffen die drei D zu – Dämonisierung, Delegitimierung sowie Anwendung von double standards – handelt es sich nicht einfach um zulässige Kritik an einem demokratischen Staat wie jeder andere, sondern eben um Antisemitismus.

"Der eine, der ist ersoffen"

Doch das, was nun laut "Falter"-Bericht in dem Liederbuch der Bruna Sudetia zu lesen ist, das ist weder subtil noch Judenfeindlichkeit in neuem Gewand. Das ist Antisemitismus mit dem Holzhammer. Man wähnt sich in einem Spielfilm, der in der NS-Zeit spielt. Oder beim Lesen einer Überlebenden-Biografie. Auch in diesem Buch findet sich – wie bei der "Germania zu Wiener Neustadt" – der Text mit der Zeile "Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million". Darüberhinaus findet sich hier allerdings auch die folgende Passage: "Zwei Juden badeten einst im Fluß, weil jeder Mensch einmal baden muß. Der eine, der ist ersoffen, vom anderen wollen wir’s hoffen." Und weiter: "Zwei Juden schwammen einst im Nil, den einen fraß ein Krokodil, den anderen hat es nur angeglotzt, da hätt’ es den ersten fast ausgekotzt."

Götschober ließ auf "Falter"-Anfrage ausrichten, er kenne das Liederbuch nicht, verwende ein anderes und lehne die zitierten Inhalte ab. Es ist immer wieder die alte Leier. Glaubwürdigkeit: null. Konsequenzen: Wahrscheinlich wird die FPÖ – wie bereits im Fall Udo Landbauer – nach entsprechend breiter öffentlicher Entrüstung reagieren und Götschober sein Mandat zurücklegen und vielleicht auch seinen Posten im Ministerium räumen müssen. Wahrscheinlich. Doch das ist eben nicht genug. Ebenso wie die nun angekündigte Historikerkommission, welche die Parteigeschichte aufarbeiten soll, nicht genug ist. Die Parteigeschichte ist bekannt. Hierzu gibt es jede Menge Expertise. Es gehören die nötigen Schlüsse daraus gezogen. Ob das unter dem Vorsitz des Rechtshistorikers Wilhelm Brauneder, früherer FPÖ-Mandatar sowie Dritter Nationalratspräsident, immer wieder aber auch Autor von in der "Aula" abgedruckten Beiträgen möglich ist?