Wer mit Überlebenden gesprochen hat, die tatsächlich nach 1945 nach Wien zurückkehrten, weiß, mitnichten wurde Juden damals ein freundlicher Empfang beschert. Schon ihre Anwesenheit war unangenehm, erinnerte an das eigene Unvermögen. Auch hier irrte Bettauer gewaltig. All die Vorzüge, die er Jüdinnen und Juden zuschrieb, die der Gesellschaft so gut taten (und freilich dabei einiges überzeichnete), sie zählten am Ende nicht wirklich. Jedenfalls nicht, wenn es um den Einzelnen ging.

Der Brain-Drain, der Verlust von Kultur, der wird bis heute in Sonntagsreden beklagt. Aber die Menschen mit ihren Vorwürfen, mit ihrer Anklage, die sind bis heute unangenehm. Dieses Nicht-zur-Tagesordnung-übergehen-Wollen, das verzeiht so mancher den Juden bis heute nicht. Der Schlussstrich, er muss endlich her. Ob das nun von der Regierung in Aussicht gestellte Schoa-Denkmal mit den Namen der rund 66.000 österreichischen in der NS-Zeit ermordeten Juden als ein solcher emotionaler Schlussstrich gedacht ist? Und ist man als Jude, als Jüdin undankbar, wenn man das nicht sofort für eine tolle Idee hält?

Stark sein und nichts beschönigen

Eine der Lehren aus dem Holocaust ist, sich zu wehren. Israel hat heute eine starke Armee. Fotos von jungen Frauen und Männern, die stolz ihr Land verteidigen, sie konterkarieren die historischen Fotos von abgemagerten KZ-Inhaftierten, von Chassiden, die man deportiert, von Menschen, die man zwang, den "Judenstern" zu tragen. Eine der Lehren aus dem Holocaust ist, als jüdische Diaspora-Gemeinde sehr feinfühlige Antennen dafür zu haben, wann und woher Gefahr droht. Daher gibt es heute zum Beispiel vor Wiener jüdischen Institutionen ausreichend Security. Daher wird aber auch sofort aufgezeigt und artikuliert, wenn man mit Antisemitismus konfrontiert ist – egal, aus welcher Richtung dieser kommt. Das wird teils als Alarmismus, als Schwingen einer Keule interpretiert. Doch siehe Bettauer. Man konnte sich damals nicht vorstellen, wie schlimm es kommen könnte. Wer nicht die Anfänge bekämpft, der hat am Ende verloren.

Eine der Lehren aus dem Holocaust ist meiner Ansicht daher auch, als Jude, als Jüdin keine Scheu davor zu haben, das auszusprechen, was man sich denkt. Wie man sich fühlt. Was einen befremdet. Warum der Alltag im Miteinander immer noch kein gänzlich normaler ist. Auch wenn das sicher für die Mehrheitsgesellschaft nicht immer angenehm ist. Und Juden haben nicht dankbar zu sein, wenn man das damalige Gesetz gewordene Unrecht heute mit Entschädigungszahlungen versucht etwas ins Lot zu rücken und sie müssen auch nicht dankbar sein, wenn man ein Denkmal für ihre ermordeten Vorfahren errichtet. Eine Zäsur wie jene, die der Nationalsozialismus bildet, die lebt in den Nachfahren der Ermordeten und der Vertriebenen fort. Das als Mehrheitsgesellschaft immer wieder vorgehalten zu bekommen, ist nicht leicht. Und ja, es gibt keine Erbschuld. Das Unvorstellbare zu vergessen, hinter sich zu lassen, ist allerdings auch nicht einfach. Es gibt hier keinen angemessenen Umgang. Es gibt nur ein Akzeptieren der Emotionen der Betroffenen.