Auf gepackten Koffern sitzen: Das kennt man aus Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden. Dieser Tage las ich die Formulierung in anderem Kontext und von jemandem aus der Enkelgeneration. Der jüdische Rapper Ben Salomo (41) prangerte angesichts der Verleihung des deutschen Musikpreises Echo an die Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr Album "Jung Brutal Gutaussehend 3", das im Song "0815" mit der Textzeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" provoziert, in einem Interview mit der Morgenpost an, dass Antisemitismus in der Rap-Szene auf der Tagesordnung stehe. "Das fängt damit an, dass backstage jemand einen Joint nicht weitergibt und als ‚Jude’ beschimpft wird." Er halte die deutsche Rap-Szene in weiten Teilen für genauso antisemitisch wie die deutsche Rechtsrock-Szene. "Bei vielen, die ich kenne spiegelt sich das noch nicht mal in den Texten wider, aber sehr viele glauben an antijüdische Verschwörungstheorien."

Alexia Weiss - © Paul Divjak
Alexia Weiss - © Paul Divjak

Salomo, der in Israel geboren wurde und in Berlin aufwuchs, organisiert Deutschlands größtes Battle-Rap-Event "Rap am Mittwoch". In dem Morgenpost-Interview erklärt er, dass er aber nun nicht mehr Teil der Rap-Szene sein kann. "Ich ziehe mich in diesem Jahr aus der deutschen Rap-Szene zurück. Das hat mehrere Gründe, einer ist: Ich fühle mich als Jude in der deutschen Rap-Szene nicht mehr wohl. Aber es geschieht insgesamt zu wenig gegen Antisemitismus in diesem Land. Das macht mich betroffen. Gefühlt sitze ich deshalb auf gepackten Koffern in Deutschland."

"Verfluche das Judentum"

Antisemitische Lines finden sich in deutschen Rap-Texten zuhauf. Da trat etwa der Rapper Prinz Pi in der Sendung "Neo Magazin Royale" von Jan Böhmermann in einem Pullover auf, den das Logo der palästinensischen Entwicklungshilfeorganisation Sharek Youth Foundation zierte, und sang dazu "Ich hab ein Mikroskop, gib mir dein Telefon/ Wie Ahmadinedschad mach ich eine Kernfusion". Haftbefehl alias Aykut Anhan rappt in "Psst" davon, wie er "Kokain an die Juden von der Börse" verkauft. Ein früherer Song mit der Passage "Du nennst mich Terrorist, ich nenne dich Hurensohn/ Gebe George Bush einen Kopfschuss und verfluche das Judentum" war ihm später unangenehm. Laut "Welt"-Bericht aus dem Jahr 2016 lieferte er folgende Erklärung für das Entstehen des Textes: "Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht. Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch."