Antisemitische Vorurteile und Ressentiments, es gibt sie in vielen Teilen der Gesellschaft. Mit dem Erstarken der deutsch Rap-Szene wurde hier aber eine Haltung von Jugendlichen, oft mit türkischem oder arabischen Familienhintergrund, massentauglich. Und dass dem so ist, das war bereits vor der Echo-Verleihung sattsam bekannt – nicht zuletzt durch die im März im WDR ausgestrahlte Dokumentation "Antisemitismus: Die dunkle Seite des deutschen Rap". Dennoch entschieden sich die Echo-Veranstalter, Kollegah und Farid Bang auftreten zu lassen. Und noch mehr: Man zeichnete sie mit einem Echo aus.

Zynisch könnte man sagen: Der Gunst des Publikums und der Quote wird alles untergeordnet. Das macht das in Sonntagsreden so gerne verwendete "Nie wieder" obsolet. Dass die Echo-Verleihung dann auch noch am Jom HaSchoa stattfand, ist einfach nur mehr geschmacklos. Einige Echo-Preisträger geben nun ihre Preise zurück: der Pianist Igor Levit, das Notos Quartett, der Musiker Klaus Voormann. Und Marius Müller-Westernhagen, der bereits mit sieben Echos ausgezeichnet wurde, will sie alle nicht mehr bei sich stehen haben. "Künstler haben eine besondere gesellschaftliche Verantwortung", betont er. "Sich hinter künstlerischer Freiheit zu verstecken oder kalkulierte Geschmacklosigkeiten als Stilmittel zu verteidigen, ist lächerlich. Provokation um der Provokation willen ist substanzlos und dumm. Und eine Industrie, die ohne moralische und ethische Bedenken Menschen mit rassistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Positionen nicht nur toleriert, sondern unter Vertrag nimmt und auch noch auszeichnet, ist skrupellos und korrupt."

Kollegah fiel schon einmal auf

Bleibt die Frage nach dem richtigen Umgang mit Künstlern wie Kollegah, der nicht nur mit "0815" gehörig daneben griff, sondern bereits im Video zu seinem Stück "Apokalypse" antisemitisch auffiel. Darin trägt ein Bösewicht, von dem Kollegah die Welt befreit, einen Ring mit einem Davidstern am Finger. Der deutsche Pädagoge Jörg Heeb veröffentlichte auf Facebook, wie er einer Klasse, in der viele Kollegah und Farid Bang nicht nur kennen, sondern gut finden, näher brachte, dass die Textzeile mit den Auschwitzinsassen vielleicht eher nicht cool ist oder "krass", um einen seiner Schüler zu zitieren.

Zunächst stellte sich heraus, dass gar nicht allen klar war, was Auschwitzinsassen überhaupt sind. Heeb brachte den Jugendlichen also zunächst die Dimensionen des Massenmords der Nazis an den Juden näher und projizierte dann zwei Fotos an die Leinwand: Links das eines Bodybuilders mit definiertem Körper, rechts das eines Auschwitzinsassen. Die Reaktionen fielen entsprechend emotional aus. Kollegahs Text sei geschmacklos, urteilte eine Schülerin, ein Klassenkollege meinte: "Der Bodybuilder quält sich freiwillig für seinen Körper. Der Mann aus Auschwitz sieht so aus, weil er von anderen gequält wurde. Außerdem hat der keine Muskeln mehr. Der stirbt sicher bald."