Auch wenn der Angreifer bei der jüngsten Attacke in Berlin als Syrer identifiziert werden konnte – mit den vielen Flüchtlingen, die 2015 nach Europa kamen, hat diese Entwicklung nur bedingt etwas zu tun. Über den neuen Antisemitismus wird seit mittlerweile auch schon weit mehr als zehn Jahren geschrieben (2004 erschienen zwei deutschsprachige Bücher zum Thema – Hans Rauscher: "Israel, Europa und der neue Antisemitismus" sowie "Neuer Antisemitismus?", herausgegeben von Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider).

Und so stellt sich die Frage: Wie neu ist der neue Antisemitismus und handelt es sich am Ende nicht um ein Phänomen, das nie wirklich verschwand und über die Jahrhunderte nur mit immer neuen Facetten aufwartet(e)? Der Kampf gegen den Antisemitismus beginnt damit, diesen zu benennen, meint Doron Rabinovici. Das geschieht heute allerdings schon oft – egal, ob auf der Straße gepöbelt wird oder sich in Burschenschafter-Liederbüchern antisemitische Texte finden. Das Resultat sind allerdings nur, so hat es den Anschein, Empörungsaufschreie in sozialen Netzwerken, die wieder verhallen, und Sonntagsreden von Politikern. Beides schützt den Kippa-tragenden Juden auf der Straße nicht.

Sündenböcke

Das Problem ist, dass Juden bis heute eben nicht nur für antisemitisch eingestellte Muslime immer dann herhalten müssen, wenn ein Sündenbock für das eigene Unvermögen gesucht wird. Dieses Phänomen zieht sich bis in die Mitte der Gesellschaft. Die Protokolle der Weisen von Zion halten sich beharrlich, die Anspielungen auf Rothschilds in diversen Netzdebatten sind nicht enden wollend. Man nehme aber auch die Angriffe auf den US-Milliardär George Soros in Ungarn – dieser wolle das Land durch Flüchtlinge destabilisieren.

Das griff zuletzt ein FPÖ-Politiker hier zu Lande ebenfalls auf: So meinte Johann Gudenus, dass "es stichhaltige Gerüchte gibt, dass Soros daran beteiligt ist, wenn es darum geht, gezielt Migrantenströme nach Europa zu unterstützen". Aussagen wie diese schüren Antisemitismus immer weiter. Und da nützt es dann wenig, sich hinter Israel zu stellen oder den Antisemitismus unter Muslimen zu beklagen.

So lange es nicht eine rote Linie gibt, die das Spielen von antisemitischen Ressentiments zum Tabu macht, so lange wird es Antisemitismus geben. Er wird sich aus verschiedenen Quellen nähren, er wird sich unterschiedlich bemerkbar machen, aber es wird ihn geben. Trotz Hashtag #IchBinJude, trotz Juden, die nicht mehr als Juden erkennbar sind. Denn Antisemitismus braucht ja nicht einmal Juden.