Israel ist nicht der Aggressor

Salzborn thematisierte in seiner Kritik aber auch den Bezug zum aktuellen Geschehen in Gaza. Indem die Karikatur Netanjahu mit einer Rakete in der Hand zeige, transportiere sie mit Blick auf die aktuellen Gefechte an der Grenze zu Gaza falsche Annahmen. "Völlig ausgeblendet bleibt dabei, dass Israel sich aktuell gegen terroristische Angriffe wehrt, also nicht der Aggressor ist."

Diese Debatte ist eine nicht enden wollende. Wann immer die Situation an Israels Grenzen eskaliert, weil etwa die Hamas zu Protesten aufruft und dabei blutige Bilder erzeugen will, geraten Jüdinnen und Juden weltweit in die Situation, dass sie dafür kritisiert werden, wie die israelische Armee handelt. Dass sie das Vorgehen Israels rechtfertigen müssen. Nur haben Juden, die in der Diaspora leben und keine israelische Staatsbürgerschaft haben, ja kein Wahlrecht und daher auch keinen Einfluss. Sie können Netanjahus Politik gut finden oder nicht so gut oder entschieden kritisieren. Sie haben dennoch keinen Einfluss und daher auch keinen Rechtfertigungszwang. Wie auch immer sie die aktuelle Politik Israels bewerten - das Selbstverteidigungsrecht Israels muss außer Frage stehen, so die mehrheitliche Haltung. Was Juden in der Diaspora können und auch immer mehr tun, ist Botschafter zu sein und zu erklären, wie es ist, wenn man in einem Staat lebt, dessen Grenzen ständig in Frage gestellt werden, dessen Existenzrecht in Frage gestellt wird.

Und dass solche Äußerungen eben nicht nur von Österreichern kommen, die arabische Wurzeln haben, oder türkische oder Muslime sind, oder aber von Linken, welche sich auf die palästinensische Seite stellen, sondern ziemlich Mainstream sind, das zeigte dieser Tage ein äußert befremdlicher Kommentar des früheren "Presse"-Chefredakteurs Thomas Chorherr. Wie er die Song Contest-Gewinnerin Netta beschreibt, hinterlässt einen fassungslos: "Sie war hässlich. Sie war dick. Sie war jenseits aller Ideen zuwider. Sie war abgrundtief schiach." Ist das als antisemitisch einzustufen? Siehe die Worte Salzborns weiter oben. Ist mehr Abwertung möglich?

Chorherr stellt dann aber auch noch einen Kontext her zwischen dem 70jährigen Bestehen Israels und dem Gewinn Nettas. Er skizziert zunächst das Anderssein Nettas, meint dann, dass das Anderssein immer wieder und immer mehr seinen Platz erkämpfen wolle, sei nichts Neues mehr. Und schreibt schließlich zum Sieg Israels beim Song Contest: "Im Fall des musikalischen Ereignisses hätte man noch sagen können, dass es ganz bewusst passiert ist, weil heuer der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel gefeiert wurde." Was soll das bedeuten? Dass man nicht aus der Reihe tanzen darf? Dass besonders Juden besser beraten wären, sich angepasst zu präsentieren? Und schon bewegen wir uns wieder auf dünnem Eis.