Ein klares Signal gegen solche Vereinnahmungs- und Instrumentalisierungsversuche setzten am Dienstag vier hochrangige Vertreter von Religionsgemeinschaften: Kardinal Christoph Schönborn (Katholische Kirche), Bischof Michael Bünker (Evangelische Kirche A.B.), Ibrahim Olgun (Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft) sowie Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister (Israelitische Kultusgemeinde Wien) unterzeichneten auf Initiative der Allianz "Menschen.Würde.Österreich" eine gemeinsame Botschaft zum morgigen Weltflüchtlingstag.

"Im Jahr 2015 ist es in einer breiten Zusammenarbeit von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Religionsgemeinschaften und Einzelpersonen, gleich ob religiös motiviert oder anders, mit den Behörden gelungen, eine große Zahl geflüchteter Menschen in Österreich aufzunehmen und ihnen Perspektiven zu öffnen. Dafür danken wir allen Beteiligten. Das ist ein gelungenes Beispiel für das gesellschaftliche Miteinander in Österreich", heißt es darin. Und: "Im Vorfeld des Weltflüchtlingstages am 20. Juni erinnern wir, dass die Sorge für die Schwachen in der Gesellschaft für JüdInnen, ChristInnen und Muslime gemeinsam ein Anliegen ist. Es gehört untrennbar zu unserem Selbstverständnis als religiöse Menschen, Vertriebenen, Verletzten und Heimatlosen Trost und Hilfe zu geben."

"Ohne gegenseitige Schuldzuweisungen"

Die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte seien wesentliche Pfeiler für die Gesellschaft, "in der wir miteinander leben wollen. Gerade die Religionsfreiheit sehen wir als wesentlichen Faktor für den Frieden. Erst sie ermöglicht den Dialog der Kulturen, gegenseitige Integration und das Hervorbringen von Neuem im gesellschaftlichen Miteinander. Die Achtung voreinander und der individuellen Identität hat auch für uns in der interreligiösen Begegnung einen hohen Stellenwert". Die vier Vertreter der Religionsgemeinschaften appellieren zudem zu einer Versachlichung im öffentlichen Diskurs beizutragen, "ohne gegenseitige Schuldzuweisungen".

Was das Verhältnis von Muslimen und Juden sowie das Thema Antisemitismus betrifft, betonte Rabbiner Hofmeister nach Unterzeichnen der Erklärung, Antisemitismus sei etwas, was in Europa schon seit über 1.000 Jahren präsent sei, er wolle hier keinen direkten Zusammenhang zu den vor allem 2015 und 2016 nach Österreich Geflüchteten machen. Das würde auch durch keine Statistik belegt. Olgun betonte, wie wichtig der heute gezeigte Zusammenhalt der Religionsgemeinschaften sei. Angesprochen auf das Thema muslimischer Antisemitismus meinte er, es gebe in jeder Religionsgemeinschaft böswillige Menschen. Wogegen er sich aber wehre, sei, "dass nun Muslime und Geflüchtete in Österreich diesbezüglich unter Generalverdacht gestellt werden". Überdies gebe es in der Geschichte immer wieder Beispiel, in denen Muslime Juden geholfen beziehungsweise sie geschützt hätten. Das sollte noch mehr ins Bewusstsein der Menschen gebracht werden.

Es sind Worte wie diese, die noch viel mehr Gehör finden sollten. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und Extremismus ebenso. Ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen, das aber spaltet, statt im Kampf gegen solche Phänomene zu vereinen. Das Gegeneinander Ausspielen nützt am Ende den Gruppen, die hier aufeinander gehetzt oder instrumentalisiert werden, wenig, sondern nur den Fädenziehern. Sozialer Friede ist etwas, worum sich Regierungen in Österreich, auch durch die starke Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern und dem Dialog mit den Religionsgemeinschaften, stets bemüht haben. Diesen in Gefahr zu bringen, ist fahrlässig.